Hat er „Autobahn“ gesagt

Thilo Sarrazin kann es nicht lassen…

…das Polemisieren und Schockieren, auch das Blamieren und das Herum-Hantieren, mit den Klischees und den Ängsten – und so hat es sich kürzlich wiederum ergeben, dass der berlinische Sohn hugenottischer Migranten es in die Schlagzeilen der Bundesrepublik schaffte. Wie kein anderer versteht es Dr. Sarrazin den dünnen Schorf von gerade anheilenden Wunden herunter zu reißen oder dem Patienten, der seine Magenschmerzen gerade zu vergessen schien, kräftigst in die Wampe zu keulen. Völlig willkürlich – und das wird häufig übersehen – sind die Attacken des Onkel Doktors aber keineswegs, sondern sie haben Methode und ein festgefügtes Lieblingsthema: die Immigranten in Deutschland (durch die Berliner Brille betrachtet). Dabei hat der Mann ja sachlich häufig Recht: es gibt sie, die Parallelgesellschaften in Berlin-Neukölln und anderswo. Damit ist Sarrazin gerade das nicht, als was die ärgsten seiner Widersacher ihn gerne darstellen möchten: ein irrlichternder Berserker, ein nationalpopulistischer Aufrührer, ein neuer HitlerGöringGoebbels (Stephan Kramer). Doch noch etwas anderes ist Sarrazin, auch wenn er manchmal Recht hat, mitnichten: im Recht.

Sarrazin wurde bundesweit bisher eigentlich immer relativ erfolgreich ignoriert, lediglich das schwüle semantische Klima seiner Einlassungen schaffte es unregelmäßig in die Schlagzeilen – meist aber nicht über das Einzugsgebiet des „Tagesspiegel“ hinaus. Nach seiner vorerst letzten Entgleisung nun mehren sich aber Stimmen, die ihm Mut attestieren. Mut, etwas auszusprechen, das andere sich noch nicht einmal zu denken trauen. Mut, die Verhältnisse einmal klar, wenn auch überspitzt und ja, politisch unkorrekt, zu benennen. Aber ist Sarrazin wirklich mutig? 

Weil er seine Vorwürfe immer bewusst an die Falschen richtet, richtet er immer so viel Schaden an.

Sarrazin richtet sich nicht an die Deutschen, für die Immigration ein Thema ist, weil sie in multikulturellen Zusammenhängen leben und den Komplexitätsgrad der Probleme kennen. Sondern an die Deutschen, denen Immigrationsfragen vollig egal sind und die sich allenfalls auf Stammtisch- bzw. Küchentischniveau interessieren. Die Vorwürfe sind auch nicht an die vermeintlich handlungsunwillige oder unfähige Politik gerichtet. Hinter den Kulissen wird an einer Verbesserung der Integration gestritten (Islamkonferenz) und gearbeitet (Sozialarbeit) – vielleicht ist das der Grund, warum die Integrationsbeauftragte der Bundesregierung Maria Böhmer unüberhörbar schweigt. Sondern sie richten sich an das unverbesserliche Talkshow-Volk unter den Politikern, die sich als vox populi gerieren und den liberalkonservativen Reflex generös abmildern. Die Vorwürfe richten sich auch nicht an die Verantwortlichen unter den Muslimen in Deutschland, die leider allzu häufig Unverantwortliche sind. Dazu zählen zum Beispiel viele Vertreter des Zentralrats, allen voran Kenan Kolat, wenn sie fortschrittliche Stimmen gerade der muslimischen Frauen plump zu unterdrücken versuchen. Dazu zählen aber auch viele muslimische Prediger und Gemeindevorsteher in Deutschland, deren Interpretationen von demokratischer Zivilgesellschaft für schwach integrierte Muslime oft das letzte Wort sind. Dazu zählt auch der türkische Ministerpräsident Erdogan, der sich nicht scheut, deutschen Türken die Integration in die deutsche Gesellschaft auszureden. Sarrazins Vorwürfe richten sich statt dessen an das schwächste Glied der Kette und überfordern in ihrem unerfüllbaren Anspruch – eine partiell misslungene Integration zu reparieren – die einfachen Bürger mit Migrationshintergrund.

Ohne diese Zusammenhänge zu sehen, könnte man Sarrazin tatsächlich zugestehen, durch scharfe Polemik am Rande des guten Geschmacks einen Beitrag zur Debatte oder zu ihrer Lösung zu tragen. Doch leider trifft das Gegenteil zu. Sarrazin ist nicht an Lösungen interessiert, sondern an ehrfurchtgebietenden Worten. Er will nicht an Brennpunkte heran, sondern er will in ARD-Brennpunkte. Die Berliner Parallelgesellschaft interessiert ihn gar nicht wirklich. Keine seiner Geschmacklosigkeiten ist geeignet irgend etwas Gutes zu bewirken, weil er die Falschen adressiert und die Falschen beschuldigt. Sarrazin darf nicht nur als polemischer Schreihals, er muss auch als Feigling gebrandmarkt werden.

 

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