Von Nullmedien und ihren Kampagnen

Eigentlich habe ich nicht vor, in diesem Blog über Themen zu schreiben, die etwas mit dem Boulevard-Ramsch-Medium mit den vier großen Buchstaben zu tun haben. Erstens weil es dafür schon andere Stellen gibt, zweitens weil man diskursiv viel zu leicht versinkt, wenn man sich einmal aus Recherchegründen in diesen Sumpf begibt. Es ist in etwa so, wie es Hans Magnus Enzensberger in seiner Medienkritik mit dem Fernsehen gehalten hat (Das Nullmedium oder Warum alle Klagen über das Fernsehen gegenstandslos sind). Alle Klagen über die BILD sind ebenfalls gegenstandslos, weil sie eben ein Medium der Gegenstandslosigkeit ist, ein Nullmedium. Andererseits…

Die BILD ist aus intellektueller Sicht völlg belanglos. Doch darin liegt auch der gefährliche Zustand begründet, in welchem die intellektuelleren Journalisten die immer noch große BILD-Leserschaft wähnen: in einer Abwärtsspirale der geistigen Performanz, Entwöhnung und Entfremdung des Intellekts von sich selbst. Von dort ist es nicht weit bis zum „demokratiegefährdenden Potenzial“, welches dem erfolgreichen Ramschblatt regelmäßig unterstellt wird.

Klar ist, dass BILD Macht hat. Neben all dem banalen Unfug, der von ihr tagtäglich verzapft wird – von der dämlich-reißerischen Wortgebung über die Pin Up-Girls bis hin zum kläglichen Blogging des Alphatiers „KD“ -, die BILD ist dennoch ein schlafendes Monster, das bei Bedarf jederzeit geweckt und auf eine breite Masse von aufnahmebereiten Menschen mit relativ geringer Medienkompetenz losgelassen werden kann. Die Indoktrinierung und Banalisierung und Desensibilisierung findet in einer einzigartigen und unerreichten Mischung aus „schamlos-offen“ und „zwischen den Zeilen versteckt“ statt.

Eine reißerische Story über ein verschwundenes Mädchen in einer deutschen Kleinstadt inklusive Interviews mit dem Polizeihauptkommissar sowie den verzweifelten Eltern, eine provokante Kolumne zum Unterschied zwischen Ossis und Wessis irgendeines „Redakteurs“, Klatsch und Tratsch-Geschichten über B- oder C-Prominenz,  – das ist die Schlaf-Phase des Monsters. Es ist einschläfernde depolitisierende Schein-Aufklärung, Unterhaltung auf Jahrmarktniveau und Freak-Show zugleich. Es dient dazu, die Leser bei der Stange zu halten, in der Nähe des schlafenden Monsters zu habituieren, an seinen faulen Atem zu gewöhnen. Dann, urplötzlich, kann das Monster zum Leben erweckt werden und es dient jeder noch so schmutzigen Kampagne als eine Art Kriegselefant im Kampf um die öffentliche Meinung.

Hier hat die berechtigte Kritik anzusetzen. Denn ebenso wenig es nützt, wenn sich Marcel Reich-Ranicki über den überwiegenden Stumpfsinn des Nullmediums Fernsehen beschwert, hat es einen Sinn, sich über den alltäglichen kleingeistigen wahnsinnigen Jahrmarkt des Nullmediums BILD aufzuregen. Kein Mensch interessiert sich dafür, außer einige Medienschaffende selbst. Was aber nützt, ist Aufklärung, wenn das Monster mal wieder von der Leine gelassen wurde. So geschieht es derzeit mit der „Schweinegrippe“.

Dieses Thema passt in jeder Hinsicht perfekt in die BILD-Redaktion, und so beackern die „Journalisten“ das Feld auch außergewöhnlich fleißig: Sage und schreibe 12 Schweinegrippe-Aufmacher innerhalb von 27 Tagen zählen Stefan Niggemeier und BILDblog bis zum 09.11.09 um 21:52 Uhr. Wie immer wimmelt es vor Falschmeldungen, Verwechslungen, Verdrehung von Tatsachen, Übertreibungen. Und vor allem wird tatkräftig Angst geschürt. Angst vor einem Virus, wie im Hollywood-Endzeit-Drama. Wer nicht glaubt, dass man mit so viel „Aufklärung“ über eine angeblich bevorstehende Epidemie – gar PANdemie –  und dem unterschwellig transportierten Aufruf an die ganze BeBILDvölkerung, sich impfen zu lassen, theoretisch prima Geld verdienen kann, der sollte sich zunächst den vorläufigen Höhepunkt der Kampagne ansehen: den minutiös dokumentierten Selbstversuch des „Redakteurs“ Ralf Klostermann:

„Seit einer Woche habe ich die Schweinegrippe, habe Höhen und Tiefen erlebt, Tage, an denen es besser ging, dann gab es wieder Rückschläge. Vor allem habe ich gelernt, dass dieses Virus sehr tückisch ist.“

In seinem „Grippe-Protokoll“ (Mist, ich habe die „verdammte“ Schweinegrippe!) berichtet Klostermann nicht nur darüber, wo er sich angesteckt hat (auf einer „riesigen Halloween-Party“), über die Schwankungen seiner Fieberkurve, Halskratzen und dergleichen, sondern auch, dass er im Sommer sogar zur Recherche auf der „Seucheninsel Riems in der Ostsee“ war, auf der „mit den tödlichsten Viren der Welt geforscht wird“. Dann: „Und ich habe immer gedacht: Dieses blöde Virus bekomme ich nicht.“ 

„14.10 Uhr: Verdammt! In den Nachrichten lese ich, dass in Berlin ein 40-Jähriger an der Schweinegrippe gestorben ist, der keinerlei Vorerkrankungen hatte. Ein Mensch wie ich auch. Nur wenige Kilometer von hier. Ich bekomme Angst. Was ist, wenn ich plötzlich wieder einen Rückfall erleide, wenn Komplikationen auftreten? Überall auf der Welt sterben Menschen an diesem Virus.“

„18.45 Uhr: Es wird Abend und ich habe wieder erhöhte Temperatur (37,7 Grad).“

„19.36 Uhr: Innerhalb einer Stunde, nachdem der zweite Teil meines Grippe-Protokolls bei BILD.de erschienen ist, habe ich auf Facebook über 70 Mails bekommen, von wildfremden Menschen, sogar aus den USA: „Gute Besserung, halte durch, wir drücken dir die Daumen.“ Danke, das baut auf!“

Wer glaubt, es handele sich lediglich um die Aufzeichnungen eines Ritters von trauriger Gestalt und seinen müden Kampf gegen „dieses blöde Virus“, der sollte den letzten Tagebucheintrag lesen. Dort heißt es:

18.30 Uhr: Mein erste Bilanz: Ich bin wohl über den Berg, aber es war eine miese Woche und ich wünsche niemandem, dass er diese verdammte Schweinegrippe bekommt. Ich rate allen: Passt auf, befolgt die Regeln und: Lasst euch impfen!“

P.S.: Unten auf der Seite befindet sich übrigens als Extra-Feature ein Video, wie „KD“ sich stechen lässt: „BILD beim Impfen. BILD-Chef Kai Diekmann war der Erste“. Dieser unglaubliche Werbespot einer ganzen Redaktion lässt sich auch auf youtube verfolgen. Das Ganze wirkt ein wenig so, als würde ein unter Gammelfleisch-Verdacht stehender Händler demonstrativ vor laufenden Kameras in eines seiner eigenen Koteletts beißen. Klaro: Die BILD lässt sich das Antiserum nicht von irgendwem, sondern von der Vorsitzenden der Kassenärztlichen Vereinigung Hessen verabreichen, die auch brav vorher ihr Sprüchlein aufsagen darf.

P.P.S.: Wer jetzt darüber nachdenkt, ob man die ganze BILD-Redaktion nicht auf die Insel Riems in der Ostsee auslagern sollte… Ach Leute, lasst´s gut sein.

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1 Kommentar
  1. sabbel sagte:

    Naja ist doch klar, die müssen auch irgendwie Geld verdienen…

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