Klimaschuldner und Klimagläubiger

Naomi Klein über den Klimawandel und warum reiche Länder Entschädigungen an ärmere zahlen sollten

Zwei Wochen noch bis zur UN-Klimakonferenz in Kopenhagen und es besteht kein Zweifel daran, dass ein tiefer Graben zwischen den Interessen der Industrienationen und jenen der Entwicklungsländer klafft. Es geht um Emissionseinsparungen und – mal mehr, mal weniger – ehrgeizige „Klimaziele“, es geht um versinkende Pazifik-Inseln und die Kosten von Wirbelstürmen, es geht um Weltmärkte und es geht um Entwicklungshilfe-Milliarden. Während das Lavieren der Politiker aus den großen Wirtschaftsnationen von Klimagipfel zu Klimagipfel fort schreitet, formiert sich vom unteren Ende der Rangliste her – unter den wenig, gering und gar nicht entwickelten Ländern – ein wachsender Widerstand, und es entstehen daraus neue Koalitionen.

Die kanadische Journalistin Naomi Klein, Autorin des als ein globalisierungskritisches Hauptwerk geltenden Buchs „No Logo“, erklärte heute gegenüber democracy now, warum sie in ihrem letzten Artikel für das Rolling Stone Magazine so ausführlich über die Forderung einiger Entwicklungsländer nach so genannten Klima-Reparationen sprach. Ihren Beobachtungen zufolge gibt es ein wachsendes Interesse einer Gruppe von Ländern – vor allem Evo Morales´ Bolivien, anderen lateinamerikanischen Ländern und insbesondere afrikanischen „least developed countries“ – das Problem des Klimawandels stärker nach dem Verursacherprinzip zu behandeln.

Das Prinzip ist bekannt: Als Verursacher werden die Industrieländer identifiziert, welche ihren historischen Vorsprung vor anderen Ländern unter anderem durch ihre exzessive Klima-Bilanz erkauft haben. Hinterher – also heute – seien die Entwicklungsländer zusätzlich zu diesem industriellen Rückstand aber durch weitere Faktoren benachteiligt: Zum Einen seien sie überdurchschnittlich heftig von den Folgen des Klimawandels betroffen. Zum Anderen sei die (nachgeholte) Industrialisierung auf  der Basis ökologischer Innovationen teurer als die (historische) Industrialisierung des Westens auf der Basis fossiler Brennstoffe. Die betreffenden Länder halten dies für eine quantifizierbare ökonomische Schuld des Westens gegenüber den Entwicklungsländern und verlangen entsprechende „Reparationen“, vor allem in dreierlei Hinsicht:

Erstens durch eine ambitionierte Emissionen-Reduzierung, mindestens um 40 Prozent gegenüber dem Referenzwert von 1990. Zweitens müssten die reichen Länder für die kurzfristigen Kosten der armen Länder bei der Bewältigung von klimabedingten Krisen wie zum Beispiel Naturkatastrophen aufkommen. Drittens sollten die Industrieländer für die höheren Kosten der Entwicklungsländer in Folge der Umstellung von fossilen auf grüne Ersatz-Technologien zahlen.

Angesichts der Tatsache, dass dergleichen Forderungen es offenbar auf die Tagesordnung des Kopenhagener Gipfels schaffen werden, formiert sich gegen sie laut Naomi Klein enormer Widerstand sowohl aus den USA, als auch aus anderen G8-Nationen. Die Vorstellung, dass man armen Ländern nicht mehr aus „karitativen“ Gründen helfe – quasi als Akt des Mitleids -, sondern aus einem juristischen Schuldverhältnis heraus, sei für die reichen Länder eine geradezu Angst machende, unzumutbare Vorstellung.

Die Entwicklungsländer reagierten mit diesen Forderungen nicht zuletzt auf die Strategie der Industrienationen, die Erwartungen an Kopenhagen Schritt für Schritt herunter zu schrauben. Während die Wissenschaft das 40%-Ziel  gegenüber 1990 mehrheitlich für notwendig erachtet, spreche US-Präsident Obama absurderweise bereits bei einer möglichen Klimagas-Reduzierung von 14-20 Prozent gegenüber 2005 von einem Durchbruch. Während die Weltbank die kurzfristigen jährlichen Adaptionskosten der Entwicklungsländer auf 100 Mrd. Dollar, und die langfristigen auf 500-600 Mrd. Dollar schätzt, kursiere bei den Vereinten Nationen und in den USA die Hoffnung, man könne sich in Kopenhagen auf zusätzliche 10 Mrd. Dollar pro Jahr einigen.

All das lässt nichts Gutes für die Konferenz vom 7. bis 18. Dezember erahnen. Die drei gegenwärtigen größten Verursacher von klimaschädlichen Emissionen – USA, China, Indien – haben bekanntlich ihre Teilnahme abgesagt bzw. nicht zugesagt. Einerseits ist die Strategie der unterentwickelten Staaten natürlich so verständlich wie gerechtfertigt, den Fokus der Aufmerksamkeit von der aktuellen weltweiten Verantwortung wegzunehmen und auf die historische individuelle Verantwortung zu verlagern. Man befürchtet vielleicht, ohne dieses laute Trommeln allzu leicht von den Industrieländern vereinnahmt und abgespeist zu werden.

Auch die egoistische Taktik, mehr Entwicklungshilfe loszueisen, ist angesichts der Unterentwicklung von, sagen wir einmal Burkina Faso moralisch nicht so leicht zu kritisieren. Nicht überall kann der Westen einem Diktator wie Mugabe die Schuld am Elend zuschieben. Aber die Strategie der Entwicklungsländer könnte auch einen nachhaltigen negativen Effekt haben. Dann nämlich, wenn er einigen Industrieländern eine billige Ausrede liefert, nicht am Gipfel teilzunehmen, oder nur die zweite Garde verhandeln zu lassen. Um ein Scheitern des Gipfels zu verhindern, müssten aber im Grunde alle Regierungen der Welt mit voller Entscheidungsbefugnis teilnehmen, und anfangen, in größeren Dimensionen zu denken – und zu handeln.

Wie groß die Herausforderung in Wahrheit ist? Naomi Klein zitiert die Klima-Unterhändlerin Boliviens, Angelica Navarro, derzufolge die unterwickelten Länder früher oder später nichts weniger als den neuen globalen Marshall-Plan fordern werden, der die beiden großen Herausforderungen der Menschheit gleichzeitig angreifen könnte:  Armut und Klimawandel.

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3 Kommentare
  1. In einem mutigen Plädoyer an die chinesische Führung, in Kopenhagen eine positive Führungsrolle zu erobern, schlägt der chinesische Ökonom Hu Angang statt der Klassifizierung „entwickelt“ und „nicht entwickelt“ vier Kategorien vor, nach dem Human Development Index. Das liegt leider nur in Englisch vor (in Buchform auch auf deutsch):
    http://www.chinadialogue.net/article/show/single/en/2892
    Mit diesem kleinen Hinweis möchte ich auch mein Interesse bekunden, obigen Artikel nöchste Woche zusammen mit einer Vorstellung (Zusammenfassung) von Hu in meinem Blog zu „verwenden“.

    • gespaltenerwesten sagte:

      Sehr gerne! Das ist ja der Sinn dieser wunderbaren Lizenz, die wir alle verrwenden: Creative Commons…
      Ich habe den Artikel eben überflogen und finde ihn interessant. Wobei noch anzumerken wäre, dass die UN schon seit längerem an unterschiedlichen Konzepten zur Klassifizierung der Länder arbeiten. Und am HDI gibt es auch viel berechtigte Kritik. Vielleicht brauchen wir auch hier etwas ganz Neues?
      Bin gespannt auf Ihre Vorstellung.

      • Klammheimlich befürchte ich jetzt, dass diese Latte zu hoch für mich liegt….
        Aber mal sehen, was so ein Ansporn noch bewirken kann.

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