Kopenhagen – just another manifest

Was auch immer der Klimagipfel in Kopenhagen bringen wird – an einem wird es sicher nicht mangeln: an politischen Absichtserklärungen und Manifesten. Es wird eine weitere Konferenz in einer endlosen Reihe von Konferenzen sein, die seit Jahren schon, ohne dies explizit einzugestehen, das Ende eines ganzen Zivilisationsmodells einläuten – das Ende des westlichen Modells.

Politische Manifeste – es ermangelt ihrer in der Geschichte der Menschheit gewiss nicht – sind immer ein zweischneidiges Schwert. Auf der einen Seite bemühen sich die Verfasser um Klarheit in der Sache und Prägnanz in der Formulierung, damit auch jeder ihre Botschaft verstehe. Oft verzichten sie aber auch schon um der Eindringlichkeit oder der Wirkmächtigkeit ihrer Appelle willen auf wichtige Einzelheiten. Und in einer anderen Hinsicht sind Manifeste letztlich immer die pompösen interessengeleiteten Äußerungen von bestimmten Gruppen, und ihre Verfasser blenden daher regelmäßig missliebige Details aus und verschweigen Tatsachen, die zur Realität ihrer Sache eigentlich dazu gehörten.

Manifest kommt bekanntlich aus dem Lateinischen und bedeutet (manifestus=) „handgreiflich gemacht“. Wenn etwas mit Händen zu Greifen ist, dann ist es so nah, dass es mit allen Sinnen – und nicht nur mit den trügerischen Mitteln des Sehvermögens oder des Verstandes – be-griffen werden kann, erfühlt, ertastet. Wenn aber etwas greifbar wird, dann bedeutet dies außerdem, dass es schon vor dem Akt des Greifbar-Machens existent war. Und das ist die Krux hinter allen tagespolitischen Manifestationen, das ist die Wurzel der Versprechen und der Nicht-Versprechen: Das Ende des westlichen Zivilisationsmodells ist schon eigentlich da. Man wird sich nur wiederum sträuben, es konkret, handgreiflich werden zu lassen und man wird sich um die Definition seines Endes streiten.

Das westliche Zivilisationsmodell beruht auf dem Prinzip des privatwirtschaftlichen Profits und des Eigentums. Wohlstand für alle war als sein Nebenprodukt immer willkommen – allerdings nur innerhalb der Grenzen des eigenen Sprach- und Kulturraums, des eigenen Nationalstaats, des eigenen primären Wirtschaftsraums (da wo die hochentwickelten, teuren Waren gehandelt werden), kurz: Hebung des allgemeinen Wohlstandsniveaus als Exklusivitäts- und Exklusionsmerkmal. Im Prozess der Festigung und der Beschleunigung von ökonomischer Vorteilsnahme (das Wachstumsdogma – ein Merkmal von auf privatem Profit basierenden Wirtschaftssystemen), wurden sowohl die Menschen, als auch die Umwelt zu diesem Zweck funktionalisiert.

Heute gibt es kaum ein skandalöses Phänomen in der menschlichen Umwelt, dass sich nicht auf die Geschichte dieses Zivilisationsmodells zurückführen ließe. Armut, Hunger und Kriege um Wasser, Rohstoffausbeutung und unwürdige Arbeitsbedingungen, Ozonloch, Treibhauseffekt und Gletscherschmelze, Wüstenausbreitung, Dürren und Wassermangel, Artensterben und Waldsterben, Überschwemmungen, Wirbelstürme und Waldbrände – nichts davon lässt sich ohne privatwirtschaftliche Vorteilsnahme erklären. Glanz und Gloria des westlichen Zivilisationsmodells sind die technischen Innovationen, die es schneller hervor brachte als andere Systeme. Schande und Elend dieses Zivilisationsmodells sind die unzähligen Menschen und das Ökosystem, die darunter litten und noch leiden.

Über die Grundlagen dieser zu weltweiter Vorrangstellung gelangten Wirtschaftsordnung nachzudenken, wäre höchst angebracht. Man wird dies aber wieder einmal vermummten Jugendlichen und den Graswurzel-Bewegungen überlassen. Man wird den Entwicklungsländern, die das System sozusagen von unten betrachten und seine schädlichen Auswirkungen viel besser beurteilen können, wieder einmal zu wenig Gehör schenken. Man wird mit dem Kommunismus-Argument wieder einmal alles tot schlagen. Man wird es als Erfolg verkaufen, dass die USA dem „Kopenhagen-Protokoll“ – wenn denn eines zustande kommen soll – im Gegensatz zum „Kyoto-Protokoll“ zustimmen.

Ein Erfolg wird es aber nicht sein, da die USA und Präsident Obama nur ratifizieren, wenn sie zuvor den anderen Gipfelteilnehmern ihren wichtigsten kleinsten gemeinsamen Nenner diktieren konnten: nur 17 Prozent Emissionsreduzierung gegenüber 2005. Amerika braucht schließlich Zeit, um seine teilweise rückständige Industrie umzustellen. Erst wenn Obamas grüne Offensive dem Land die Marktführerschaft in den erneuerbaren Energien gebracht hat, wird man über ambitionierte Klimaziele sprechen. China und Russland haben ähnlich gelagerte Interessen. Bekanntlich fordern die Vereinten Nationen (IPCC), Greenpeace, egal: alle wichtigen Stimmen zum Klimawandel, 40 Prozent Emissionsreduzierung gegenüber 1990. Es ist nun aber keine Zeit mehr, darüber zu philosophieren, ob es denn kein Erfolg sei, die USA immerhin mit „im Boot“ zu haben. Genau das wird Angela Merkel tun, weil sie es tun muss.

Auch die anderen Industriestaaten, auch Deutschland wird diktieren, nur auf eine andere Art. Man wird auf die Einhaltung von engagierteren Emissionszielen pochen, insofern es der eigenen Volkswirtschaft dienlich ist, nicht weil man von weltweit gerechteren menschlichen Verhältnissen überzeugt wäre. Am System des unkontrollierten privaten Profits und am Wachstums-Dogma wird in keinster Weise gerüttelt werden. Auch am Waffenhandel und den skandalösen Militärhaushalten der westlichen Welt wird man sich vorbei drücken. Keine Führungspersönlichkeit der westlichen Welt ist derzeit dazu fähig, den Ernst der Lage zu vollständig zu erkennen, die richtigen Schlüsse zu ziehen, eine offensive Strategie zu verfolgen, dafür Verbündete zu gewinnen und eine Führungsrolle zu übernehmen. Diese Feststellung allein sollte schon Grund zur Beunruhigung sein.

Viel wurde darüber spekuliert, ob das „kurze“ 20. Jahrhundert bereits 1989 zu Ende gegangen sei. Derartige Überlegungen sind natürlich recht unsinnig, weil ein Jahrhundert – ohnehin schwer zu definieren – nicht einfach in wenigen Monaten zu Ende geht. Vielmehr werden vorherrschende Denkschemata, wissenschaftliche Ansichten und politische Hoffnungen der Menschen von Zeit zu Zeit umfassend revidiert, und das geschieht immer über einen längeren Zeitraum hinweg, der von viel Instabilität geprägt ist. In solch einem Zwischenstadium befindet sich die Menschheit derzeit sicherlich. Wenn man das Versteckspiel der Nationen zur Armut und zum Klimawandel betrachtet, wird es höchst zweifelhaft, dass dieses Zwischenstadium schon fast überwunden ist und etwas Neues beginnt. Vielleicht ist das 20. Jahrhundert der großen und vielen kleinen Kriege, das Jahrhundert von „Reagonomics“ und „Thatcherism“, von „Chicago Boys“ und „Monetarismus“, das Jahrhundert der Bushs und Blairs, das Jahrhundert der vielen Nicaraguas, Sudans und Afghanistans erst dann zu Ende, wenn Armut und Klimawandel noch manifester – mit Händen zu greifen – geworden sind, wenn es jedenfalls zu spät ist.

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