Rezension: Jean Ziegler – Der Hass auf den Westen

Mit seiner neuen Publikation „Der Hass auf den Westen“ liefert der Schweizer Soziologe Jean Ziegler ein herrlich unaufgeregtes, nüchtern-objektives und dennoch von der Betroffenheit des reisenden Beobachters zeugendes Dossier über die Peripherie des westlichen Reichtums, welche zugleich das Herz der südlichen Armut ist, und über den Hass, den dieses tief in der Weltgeschichte verwurzelte janusköpfige Dilemma bei den Benachteiligten in aller Welt erzeugt.

Ohne je Anspruch auf wissenschaftliche Vollständigkeit der beschriebenen Phänomene zu behaupten, und ohne etwa deren Erkenntnis durch viele neue Daten oder Fakten zu unterfüttern, brilliert Ziegler vielmehr in der Rolle des historisch bewanderten Reiseschriftstellers bzw. Reisejournalisten. Sein Blick beim Gang durch die Kellergewölbe der Armut und Unterdrückung gerät an keiner Stelle unangemessen staunend, sein Blick auf den mühsamen Weg der unterdrückten Völker nach oben – ans Licht – gerät an keiner Stelle unangemessen naiv. Das gilt auch für einen Hauptteil, den fünften Teil seines Buches, der seinen Besuch im Bolivien des indigenen Präsidenten Evo Morales beschreibt.

Am 21. Januar 2006 wurde in Bolivien mit Evo Morales Ayma der erste direkte Nachfahr autochtoner südamerikanischer Ureinwohner zum Präsidenten seines Landes. Sein Namenszusatz „Ayma“ deutet seine indianische Herkunft aus dem Volk der Aymara an. Selbstverständlich erblickt Ziegler in dessen gegen den Widerstand mächtiger westlicher Einflüsse erstrittenen Machtübernahme einen Fortschritt und er beschreibt ausführlich dessen noch junge Erfolge. Aber er verfällt – ebenso wie ironischerweise die von ihm beschriebene Bevölkerung Boliviens – in keine Jubelausbrüche. Nüchternheit scheint überall an der Tagesordnung: Wir werden sehen, was kommt… Vorsicht und Skepsis sind ebenso angebracht wie die Hoffnung: Evo Morales´ Neuanfang steht auf tönernen Füßen, der unerbittliche Widerstand von Agenten des Westens ist ihm sicher. Mehr als  beunruhigend an dieser Stelle Zieglers kurzer Ausflug in die Geschichte von deutschen, österreichischen, kroatischen und anderen geflohenen Faschisten, die in der bolivianischen Tiefebene ebenso über ungebrochene wirtschaftliche Macht verfügen, wie über ihre unverändert menschenverachtenden, rassistischen Ideologien.

Dennoch – in Bolivien sieht Ziegler einige Grundvoraussetzungen zur Befreiung von den Exzessen des wirtschaftlichen Weltkriegs gegeben, darunter die Wiedergewinnung des Nationalstaats. Besonderen Wert misst Ziegler aber jener schwer definierbaren Emanation menschlicher Erinnerungsmuster bei, die man u.a. „kollektive Erinnerung“ nennt. Diese gemeinschaftliche Form der Erinnerung vollzieht sich bekanntlich in größeren Zeiträumen als die Ereignisgeschichte und unterliegt längeren Phasen des Einsickerns in das kollektive Unbewusste und des Wiederauftauchens aus ihm. Es lässt sich mit Fernand Braudel und der französischen historiografischen Schule der Annales mit dem Begriff von der „longue durée“ verbinden – einer vermittelnden Schicht zwischen der schnelllebigen Geschichte der Ereignisse und der zähen Naturgeschichte. Es handelt sich um eine Geschichte der sozialen und kulturellen Strukturen, die sich in langsam abwälzenden Rhythmen durchaus erst nach hunderten von Jahren erneut manifestieren kann.

Die fünfhundertjährige Geschichte der Ausbeutung der Kolonisierten und der Hass auf den Westen in seiner extremen Form in unserer angeblich post-kolonialen Gegenwart stellt für Ziegler ein Beispiel für eine solche „longue durée“ dar. Und im einst brutal ausgebeuteten südamerikanischen Kolonialreich der Europäer vollzieht sich eine Kehrtwende des kollektiven Bewusstseins. Für viele Menschen in den Andenländern, nicht nur in Bolivien selbst, bedeutete die Amtseinführung Morales´ nach indianischem Ritus – einen Tag vor der offiziellen Amtseinführung – den Bruch mit der fünfhundertjährigen Geschichte der weißen, westlichen Fremdherrschaft, Unterdrückung, Diskriminierung und Ausbeutung.

Eine ununterbrochene Geschichte der Fremdbestimmung

Diese Vergangenheit beschreibt Ziegler in den ersten beiden Kapiteln seines Buches. Im ersten Teil – „An den Quellen des Hasses“ – geht es um Sklaverei und Kolonialismus. Im zweiten Teil – „Die abscheuliche Erbfolge“ um  die Fortdauer des Kolonialismus im Zeichen des Kapitalismus. Beide Kapitel sind eine tour de force durch die Unterdrückung in Vergangenheit und Gegenwart, schillernd durch das ständige Nebeneinander von historischen und aktuellen Beispielen. Wunderbar einprägsam beschreibt Ziegler die Brutalität und Verblendung europäischer Kolonialherren, der katholischen Kirche, aber auch den Zynismus und die Arroganz eines Peter Mandelson, eines Louis Michel, eines Pascal Lamy.

Ziegler lässt den französischen politischen Intellektuellen Régis Debray zu Wort kommen: „Wem nicht klar ist, dass heute in der Gattung Mensch zwei Arten Seite an Seite leben, die sich gegenseitig nicht wahrnehmen – die Erniedrigenden und die Erniedrigten -, versteht das 21. Jahrhundert nicht. […] Die Schwierigkeit erwächst daraus, dass die Erniedrigenden sich nicht beim Erniedrigen sehen. Mit den Erniedrigten kreuzen sie die Waffen, selten den Blick.“ Und: „Sie haben den Tropenhelm abgenommen. Doch ihr Kopf darunter bleibt kolonialistisch.“

Ziegler zitiert Oulai Seine, den Justizminister des Sénégal: „Wenn Sie denken, die Sklaverei sei überwunden, müssen Sie umdenken. Wie wäre denn anders zu verstehen, dass der Preis für ein Produkt, das in langen Monaten harter Arbeit, bei Regen und Sonnenschein, von Millionen Bauern erzeugt wurde, von jemandem, der in einem klimatisierten Büro auf einem Sessel hinter einem Computer sitzt, festgesetzt wird, ohne dass er ihr Leiden berücksichtigt? […] Die Sklavenhalter sind nicht tot. Sie haben sich in Börsenspekulanten verwandelt.“

Im dritten Teil – „Die Schizophrenie des Westens“ – beschreibt Ziegler, wie die Ausbeutung ausgerechnet mit Hilfe der allgemeinen Menschen- und Bürgerrechte durch den Westen fortgeführt wird. Er verweist auf den Krieg in Darfour und die Weigerung des Tschad (unter Einflussnahme Frankreichs, dass den Tschad als erweitertes Einflussgebiet versteht) UN-Blauhelm-Soldaten zu stationieren, um die Flüchtlingslager zu schützen. Er verweist auf das doppelte Spiel des Westens im Israel-Palästina-Krieg. Er verweist auf die Aushöhlung des Menschen- und Völkerrechts durch einen Präsidialerlass George W. Bushs, auf das Foltergefängnis von Guantánamo und die Weigerung des US-Präsidenten Obama, die Folterknechte einem ordentlichen Gerichtsverfahren zuzuführen – im Einklang mit der UNO-Konvention gegen Folter. Zitat The Washington Post: „Der schwache Punkt Obamas sind die Menschenrechte“. Welcher Friedensnobelpreisträger kann das von sich behaupten?

Fabriken des Reichtums – Fabriken des Hasses

Der vierte Teil des Buchs – „Nigeria, die Fabrik des Hasses“ – behandelt die Ausbeutung eines Landes durch westliche Konzerne mit Hilfe korrupter Eliten. Ziegler zeichnet ein umfassendes Panorama der ökonomischen Machtverhältnisse in einem der nominell reichsten Länder des afrikanischen Kontinents und des Schreckens, den diese Machtverhältnisse für die einheimische Bevölkerung bedeuten. Es kommt der Schriftsteller Ken Saro Wiwa vom einheimischen Volk der Ogoni zu Wort, an die Führung des Shell-Konzerns gerichtet: „Je reicher ihr seid, desto höher erhebt ihr euch über das Gesetz. […] Die Ölförderung hat mein Land in ein unermessliches Ödland verwandelt; die Atmosphäre ist vergiftet, belastet mit den Dämpfen von Methan, Kohlenstoffdioxiden, von Ruß, ausgespien von den Fackeln, die seit dreiunddreißig Jahren vierundzwanzig Stunden am Tag ihre Gase in unmittelbarer Nachbarschaft der Wohngebiete verbrennen. Das Ogoni-Land ist von sauren Niederschlägen sowie den Öl- und Gasausbrüchen verwüstet worden. Das Netz der Hochdruckleitungen, das die bebauten Flächen und Dörfer der Ogoni überzieht, stellt eine tödliche Gefahr dar. […] Was gilt uns der Tod, wir werden siegen.“

Ken Saro Wiwa wurde, vierundfünfzigjährig, am 10. November 1995 gemeinsam mit acht anderen Gefangenen im Zentralgefängnis von Port Harcourt von nigerianischen Soldaten gehängt. Sein Verbrechen war der friedliche Widerstand gegen die ökonomische und ökologische Ausbeutung und Zerstörung seiner nigerianischen Heimat. Er hatte nichts weiter getan, als kraft seiner Worte die allmächtige Allianz der korrupten westlichen Konzerne mit den korrupten lokalen Eliten herauszufordern. Am 2. Juni 2009 gestand der Shell-Konzern nach einer Klage des Sohnes Ken Saro Wiwas vor einem US-amerikanischen Gericht seine schuldhafte Komplizenschaft bei der Hinrichtung des Schriftstellers ein und stimmte einem Vergleich mit einer Entschädigungssumme von 15,5 Millionen US-Dollar zu.

Am Beispiel Nigerias zeigt Ziegler auch die Umgangsformen aktueller europäischer Volksvertreter auf. Im Jahr 2007 lud Bundeskanzlerin Angela Merkel den nigerianischen Präsidenten Umaru Yar´Adua als Vertreter Schwarzafrikas zum G8-Gipfel nach Heiligendamm, obwohl dessen Wahl drei Monate zuvor von der Europäischen Union als „betrügerisch“ gebrandmarkt worden war. Die brennenden Probleme der schwarzafrikanischen Bevölkerungen spielten auf dem Wirtschaftsgipfel keinerlei Rolle. Stattdessen wurden die Völker südlich der Sahara wieder einmal durch westliche Heuchelei gedemütigt: Dieselbe Angela Merkel, während deren Ministerrats-Präsidentschaft das Regime Yar´Aduas gegeißelt wurde, lud eben diesen Potentaten als afrikanischen Vertreter nach Deutschland ein. Der nigerianische Oppositionelle Wole Soyinka, der im Gegensatz zu Ken Saro Wiwa vor den Häschern ins Ausland flüchten konnte, kommentierte dies mit den Worten: „Der westliche Rassismus ist der Hauptgrund für das Unglück meines Volkes.“

Der Epilog von Zieglers Buch steht unter dem Eindruck der Armut und des Hungers, und der ebenso unwahrscheinlichen wie angebrachten Hoffnung von Aimé Cesaire: „Die Stunde unserer selbst ist gekommen.“ Die Armut in den Ländern des Südens wächst rasant an. Ebenso nehmen dort Hungeraufstände an Zahl und Umfang zu. Als Hauptursache für die Nahrungsmittelknappheit identifiziert Ziegler jenes allseits bekannte weltweite Regime, das dem Süden von den ökonomischen Profiteuren in den reichen Ländern aufgezwungen wird. Ziegler beschreibt die drei Säulen, auf denen dieses Regime in der Hauptsache ruht:

1. Der Politik der internationalen Organisationen wie IWF und Weltbank. Sie betreiben vordergründig die Entschuldung der armen Länder bei ihren westlichen Gläubigern, indem sie ihnen die Herstellung von weltmarktrelevanten, exportfähigen Gütern auferlegen, damit sie Devisen in den Währungen der Gläubiger ansammeln und an die Gläubigerbanken abgeben können. Der lokale Anbau einheimischer Nahrungsmittel reduziert sich auf ein Minimum oder kommt zum Erliegen, so dass wiederum Devisen aufgewendet werden müssen, um zur Ernährung der eigenen Bevölkerung Nahrungsmittel aus dem Ausland zu importieren.

2. Die Spekulation an den internationalen Börsen, vor allem der Rohstoffbörse von Chicago, mit Nahrungsmitteln. Insbesondere im Zuge der Finanzkrise hat sich der Trend zur Verteuerung von Produkten der Grundversorgung verschärft, da die Spekulanten der Geschäftsbanken und Hedge-Fonds aus den abgewirtschafteten Casinos beispielsweise der Immobilienbranche flüchteten und das Geld ihrer Anleger ersatzweise in den Handel mit Nahrungsmitteln steckten. Der Handel mit diesen Waren explodierte, ebenso ihre Weltmarktpreise. Während die Spekulanten beim Aufbau dieser Blase enorme Gewinne einstreichen, verschärft sich die Hungerkrise in den Bevölkerungen des Südens.

3. Der massenweise Aufkauf von Grundnahrungsmitteln wie Mais und Getreide durch Industrieländer, vor allem die USA, um aus ihnen Bioethanol und Biodiesel herzustellen. Durch gigantische staatliche Subventionen angefacht, dient diese Strategie vorgeblich der Verringerung von Treibhausgas-Emissionen bzw. der Verringerung der Abhängigkeit von Öl- und Gasimporten. Für arme Staaten bedeutet es aber, dass sie zur Sicherung der Versorgung ihrer Bevölkerung mit Grundnahrungsmitteln in eine aussichtslose Konkurrenz mit reichen Ländern gezwungen werden. Der Hunger wächst.

Das Buch endet mit dem beunruhigenden Zitat Bertrand Russels: „Wir wenden uns als Menschen an Menschen: Denkt an eure Menschlichkeit und vergesst alles andere! Wenn ihr das könnt, ist der Weg frei für eine neue Gesellschaft. Wenn nicht, droht der universelle Tod.“

Jean Ziegler: Der Hass auf den Westen. Wie sich die armen Völker gegen den wirtschaftlichen Weltkrieg wehren, C. Bertelsmann Verlag, 288 Seiten, neu € 19,95.

ISBN-10: 3570011321

ISBN-13: 978-3570011324

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