Klimagipfel in Kopenhagen – Ein Nachruf

Die Welt wird nicht erst in fünfzig Jahren an der Klimaerwärmung zugrunde gehen. Die Welt geht tagein tagaus an dem Chaos zugrunde, das die weltumspannenden Modi von Produktion, Konsumtion und Verteilung erzeugen. Selbst wenn heute schon ein fulminanter Vorstoß zur Reduzierung des Austoßes von Treibhausgasen gelingen würde, selbst wenn heute schon ein Erreichen des Zwei-Grad-Ziels als gesichert gelten würde – die Gründe für das offensichtliche Scheitern der menschlichen Zivilisation wären immer noch nicht beseitigt. Die Tatsache, dass die politökonomischen Mächte 37 Jahre nach dem Bericht des Club of Rome und nach einer endlosen Folge von Gipfeltreffen immer noch nicht über ein integratives Verständnis dieser Zivilisation verfügen, sollte uns allmählich nachdenklicher machen. Nachdenklicher jedenfalls, als immer wieder auf´s Neue den oberflächlichen Leitmotiven und kleinmütigen Tagesordnungspunkten dieser Mächte hinterher zu laufen.

Der Westen beherrscht die weltweiten Verteilungs-Modi seit Jahrzehnten und bis heute über das Maß seiner Bevölkerungszahl und über das Maß von einheimischen Rohstoffen zur Garantie seines Reichtums hinaus. Nicht nur durch die neuen aufstrebenden Mächte der BRIC-Staaten beispielsweise verringert sich der Vorsprung seit dem Ende der Blockkonfrontation signifikant. Die politiökonomischen Mächte im Westen haben das langfristige Dilemma ihrer Position erkannt und das Hauptanliegen ihrer Agenda ist seither, das Abschmelzen ihres Vorsprungs so lange wie möglich hinauszuzögern, und in dieser gewonnenen Zeit so unabhängig von auswärtigen Rohstoffen zu werden, wie irgend möglich, bzw. politisch stabile  neue Beschaffungswege zu erschließen. China tut dies in Afrika, Europa in Russland, die USA in Zentralasien.

Es findet zur Zeit eine multipolare Blockbildung statt, die alle eingependelten Verfahrensweisen der alten Weltordnung über den Haufen wirft. Ein Meilenstein im Prozess dieser Neuformierung von Wirtschaftsblöcken war die Einführung des Euro als Zahlungsmittel in einem Wirtschaftsraum von den Azoren bis kurz vor St. Petersburg. Bekanntlich geschah dies um die Jahrtausendwende und die USA ließen sich nur wenig Zeit, um kurz darauf ihren Machtanspruch in einer der strategisch bedeutsamsten Regionen der Erde in Zentralasien zu manifestieren. Beinahe könnte man sagen, wenn ihnen mit den September-Attentaten nicht zum richtigen Zeitpunkt ein Kriegsgrund geliefert worden wäre – sie hätten sich einen solchen erfinden müssen. Russland ist noch nicht in strategischen Dimensionen wieder erwacht, und China noch abhängig von weiterem Handel und weiterer Verschuldung der USA bei ihnen – es entstand zu Beginn des Jahrtausends ein „window of opportunity“, um sich an der erweiterten russischen Südflanke und an der erweiterten chinesischen Ostflanke einzunisten. Mit dem Einmarsch im Irak wurde noch dazu eine regionale Großmacht eingekesselt, der Iran. Wie praktisch zudem, dass man die Konflikte und Kriege wie nebenbei zum Testfall der Bündnisfähigkeit der alten europäischen Verbündeten zweckentfremden konnte.

Was soll dieser Rekurs auf allgemein bekannte weltpolitische Ereignisse, wo es doch um den Klimawandel geht? Genau darum: weil es zur Zeit in erster Linie um andere Dinge geht als den Klimawandel. Daher wirkt Barack Obama so seltsam konsterniert, wenn man ihm den Friedensnobelpreis überreicht; daher hat man den Eindruck, dass die westlichen Politiker am liebsten schnell durch den Kopenhagen-Gipfel huschen möchten, wenn sie ihn denn nicht mehr absagen können. Im Westen weiß man: lange kann man die ungerechte Reichtumsverteilung zu seinen Gunsten  und den historisch gewonnenen Vorsprung nicht mehr aufrechterhalten. Aus Sicht der Mächtigen findet primär ein Wettrennen um den Zugang zu Rohstoffen und die  Konsumtion von morgen statt. Für einen Wettlauf um CO²-Werte und Zehntel-Grade Celsius ist da kaum noch Raum. Provinz-Politiker äußern sich wie immer ehrlicher als ihre bundesstaatlichen Kollegen. Daher hört man beispielsweise von texanischen Politikern Kommentare über „esoterische Klimaziele“ und dass man diesen auf keinen Fall Arbeitsplätze der eigenen Leute opfern werde. Darum geht es: der Reichtum vor der eigenen Haustür, und wie man ihn so lange wie möglich mit allen verfügbaren Mitteln verteidigen, ausbauen oder erlangen kann.

Die Welt muss von Grund auf neu geordnet und gerechter gestaltet werden, um den beschämenden gegenwärtigen Zustand der Menschheit zu überwinden und in der Zukunft drohende Katastrophen abzuwenden. Doch die politökonomischen Kräfte verfügen aus machtpolitischen Gründen über keinen integrativen Ansatz. Und die Zivilgesellschaften verfügen leider nicht über die Kraft, diesem Mangel ein eigenes integratives Konzept wirksam entgegen zu setzen.

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