Filmkritik: Avatar – Aufbruch nach Pandora

Um es gleich vorweg zu sagen: Dieser Film ist gut, sogar sehr gut, vielleicht ein bisschen zu gut. Er ist irgendwie alles und nichts. Er hält genau das ein, was man sich derzeit von einem über 300 Millionen Dollar teuren Kinospektakel aus Hollywood verspricht. Superspezialeffekte, eine neu entwickelte 3D-Technik („Virtual Camera“), auf die Regisseur James Cameron und die von ihm betraute Firma stolz sein können. Eine ebenso stolze Entwicklungszeit für den Film von ca. 15 Jahren, wahrscheinlich nicht, um einfach nur Kubrick nachzueifern. Daneben die üblichen US-amerikanischen Gepflogenheiten, die Versessenheit auf militärischen Slang, die Siegerpose, das Schwarz-Weiß-Denken. Hinzu ein paar Prisen von so ziemlich allem, was die Welt heute umtreibt: Ökologie, Ökonomie, Rohstoffressourcen, Krieg, Gier und Kapitalismus und Freiheit davon, Weltflucht, Second Life, Vereinzelung und Erlösung von der Vereinzelung. Camerons genialer Coup neben der Kameratechnik ist die Verschmelzung und Deckungsgleichheit einer virtuellen Game-Parallelwelt mit der Vorstellung von einer ganz realen intakten Naturwelt: „Alles ist verkehrt ´rum. Da draußen ist die wirkliche Welt. Und das hier drinnen ist der Traum.“ Nur eins fehlt dem bemüht allegorischen Spektakel: eine Story. Und das ist nur bei oberflächlicher Betrachtung verzeihlich. Man hätte nicht Kubrick heißen müssen, um in 15 Jahren eine bessere Geschichte entwerfen zu können. Ungeachtet all dessen hat der Film mit Hilfe des Social Web binnen Wochen mehr Geld eingespielt als „Titanic“.

Schon der Titel – unter der symbolischen Last allein des Titels könnte der Film zusammen brechen, denkt man. Und dann so was.

„Avatar“ beginnt mit ineinander geschnittenen Szenen von Ethno-Comic (Ethno-Musik, Nebel-Landschaft) einerseits und klassischer Science Fiction (düster-kalte Weltraum-Szenerie) andererseits. Der Hauptprotagonist Jake Sully (Sam Worthington) erwacht aus einem künstlichen Schlaf, während dessen er in einem riesigen Raumschiff von der Erde zum sechs Jahre entfernten Planetenmond Pandora geflogen wurde. Als er aus dem Off von seinem langen Schlaf berichtet – „…träumte ich auf einmal vom Fliegen. Ich war frei. Aber früher oder später muss man doch aufwachen…“ – begegnet der Zuschauer zum ersten Mal dem Freiheits-Motiv, das sich noch durch den gesamten Film ziehen wird – mal mehr, weitaus häufiger aber weniger gelungen.

Jake erzählt dann in Private-Manier seine Vorgeschichte: „Ich bin nur das Front-Schwein, das bereut, wieder in irgendeinem Drecksloch gelandet zu sein.“ Er, der einfache ehemalige Soldat, querschnittsgelähmt und bereits in jungen Jahren an den Rollstuhl gefesselt, wurde an Stelle seines auf der Erde ermordeten Bruders Tommy – eines Wissenschaftlers – ausgewählt, dessen Mission bei Pandoras humanoiden Ureinwohnern, den Na´vi (drei Meter groß, blaue Haut, katzenartige Bewegungen) fortzuführen. Das Erbgut der Brüder ist sich ausreichend ähnlich, so dass man Jake in dem bereits fertig gestellten, äußerst teuren Kunstkörper „Avatar“ – in dem die menschliche und die Na´vi-DNA verschmolzen sind – in die für Menschen tödliche Atemluft auf dem wilden Planeten entlassen kann. Die ihn zu dieser Mission überreden, versprechen Jake einen völlig neuen Anfang in einer anderen Welt und ahnen noch nicht, wie Recht sie haben werden. Und auch bei seinem eigenen Kommentar blitzt das Freiheitsmotiv erneut auf: „Ein Leben endet – ein anderes beginnt“.

Wenn in der folgenden Einleitung die Geschichte von „Avatar“ in Gang kommt, wird durch die Bilder einer nur leicht futuristischen Militärbasis und durch die Off-Kommentare von Jake Sully schnell deutlich, dass sich das Setting möglichst wenig von der heutigen Erden-Realität – der US-amerikanischen Erden-Realität – unterscheiden soll:  „So etwas wie einen Ex-Marine gibt es nicht. Ich bin vielleicht ´raus. Aber die Einstellung verliert man nie. Ich sagte mir, ich kann jede Prüfung bestehen, die ein Mensch nur bestehen kann.“ Und: „Die können ´ne Wirbelsäule richten, wenn man die Kohle hat. Aber die Versehrtenrente reicht da nicht. Nicht bei der Wirtschaftslage.“ Und: „Auf der Erde waren diese Menschen einfache Soldaten, Marines, die für die Freiheit kämpften. Aber hier sind sie nur noch Söldner, die das Geld brauchen und für die Firma arbeiten.“

Die Firma – dabei handelt es sich um die Minengesellschaft RDA unter Führung des skrupellos kapitalistischen Carter Selfridge, dem „egoistischen Gefühls-Kühlschrank“ (gespielt von Giovanni Ribisi). Man schreibt das Jahr 2154 anno domini und die Menschen haben begonnen, den fernen Planeten zu kolonisieren, da sie dort einen außerirdischen Rohstoff namens „Unobtanium“ (unobtainable = unerreichbar, im Übrigen ein Hollywood-Insider) in gigantischen Minen abbauen wollen, um so die Energieversorgung auf der Erde zu sichern. Dumm nur, dass den menschlichen Kolonisatoren dabei das Ureinwohnervolk in die Quere kommen musste; deren heiliger Baum steht ausgerechnet auf dem größten Vorkommen. Um den Schein der Anständigkeit zu wahren und wegen der drohenden schlechten Presse zu Hause – schließlich handelt es sich um zivilisierte, wenn auch hoch gerüstete euroatlantische Pseudo-Konquistadores und jedem steht es frei, sich eher an die Spanier und Portugiesen in Südamerika oder die europäischen Siedler in Nordamerika oder auch den Kolonialismus in Afrika erinnert zu fühlen – will man zunächst auf die Na´vi eingehen, freilich um sie zum Umsiedeln zu überreden.

Sollte dieser Plan scheitern („Was unsere Aktionäre noch mehr hassen als schlechte Presse ist ein schlechter Quartalsbericht“), steht die ungeheure Militärmaschinerie von Colonel Quaritch (Stephen Lang) bereit, alles Leben oberhalb der Unobtainium-Lagerstätten auszuradieren. Quaritch ist der militärische Sicherheitschef der Minengesellschaft, ein eindimensionaler Alpha-Marine und ein Muskelprotz vom Typ Ledernacken, der sich ohne Murren von Biafra nach Vietnam verlegen lassen würde, und offenbar überall im Universum seinen tödlichen Dienst verrichten kann. Seine Ansprache an die neu angekommenen Soldaten könnte aus jedem beliebigen US-Kriegsfilm à la Full Metal Jacket stammen: „Sie sind nicht mehr in Kansas, Sie sind auf Pandora, Ladies und Gentlemen! Seien Sie sich dieser Tatsache zu jeder Sekunde des Tages bewusst. Wenn es eine Hölle gibt, würden Sie nach dem Aufenthalt auf Pandora dort wahrscheinlich Urlaub machen wollen. Jenseits dieses Zauns will alles, was dort im Schlamm kreucht, fleucht oder kauert Sie umbringen und Ihre Augen fressen, als seien es gefüllte Pralinés.“

Dr. Grace Augustine (gespielt von Sigourney Weaver, James Camerons Star aus „Alien“) leitet die wissenschaftliche Abteilung auf Pandora zur Erforschung des Planeten. Ihr untersteht das Avatar-Programm, von ihr wurde es gemeinsam mit einem Forscher-Team entwickelt. Grace möchte die Na´vi und deren Umwelt friedlich erforschen, sie repräsentiert das ethische Gewissen der Menschen und arbeitet an einer Koexistenz beider Kulturen. Ihre gleichzeitige Abgebrühtheit und Naivität ist der einzige Lichtblick unter den schauspielerischen Leistungen in diesem Film. Keine andere Figur inklusive Jake Sully schafft es, hinter den Masken, Attitüden und Avatar-Identitäten so etwas wie eine vielschichtige menschliche Persönlichkeit mit echten Gefühlen aufscheinen zu lassen.

Als Jake Sully das erste Mal seinen Avatar ausprobiert schlägt die nächste große Stunde des Freiheitsmotivs. Als er feststellt, dass er seine Beine wieder bewegen kann, bricht er unerlaubt aus dem Untersuchungszimmer aus und läuft atemlos vor Glück ins Freie. Nach 25 Minuten Film beginnt sein erster Ausflug mit dem Avatar in den wilden Bereich außerhalb der menschlichen Basis und die Zuschauer erleben zum ersten Mal die Umwelt Pandoras in ihrer ganzen Größe und high definition. Riesige Bäume, noch riesigere Wasserfälle, schwebende Berge, eine Flora und Fauna, die wie eine Kreuzung aus Unterwasserwelt und buntem Urwald wirkt. Solche Farben gab es wohl nicht mehr seit „Hinter dem Horizont“ oder dem letzten LSD-Trip. Psychedelisches Amazonien. Künstliche Paradiese. Flugsaurier und Drachen, Lemuren mit sechs Extremitäten, schwebende Medusen und riesenhafte Farne, die in der Nacht fluoreszieren und phosphoreszieren, fleischfressende Killer-Pflanzen, ebenso phantastische wie gefährliche Hammerhai-artige Rhinozeri und Panther-artige Mega-Bestien. Als Sully von solch einem Höllenhund verfolgt wird, beginnt flugs auch schon seine Initiation, zunächst äußerlich – durch einen Sprung ins Ungewisse respektive einen Wasserfall hinab, die Rettung aus der lebensgefährlichen Pandora-Nacht durch die schöne Na´vi-Frau Neytiri (Zoe Saldaña), die Bekanntschaft und das erste gemeinsame Abendessen mit dem gesamten Ureinwohnerstamm der Omaticaya.

Jake Sully findet sich schnell zwischen allen Fronten wieder. Einerseits die kolonialistische Profitwelt der Minengesellschaft unter Selfridge und Quaritch, die ihn als Avatar-Spion instrumentalisieren, um die Nav´i zu vertreiben oder zu vernichten. Die naiven Wissenschaftler um Dr. Grace Augustine und die mythische, erdverbundene Ur-Gesellschaft der Na´vi auf der anderen Seite. Natürlich verlieben sich Jake und Neytiri alias Captain Smith und Pocahontas ineinander. Die Konflikte, die sich für den Soldaten auf dem Weg seiner Bekehrung zu den Werten seiner einstigen Feinde ergeben, das mühevolle Erlernen der fremden Sprache und Gebräuche erinnern an filmische Vorbilder wie „Der mit dem Wolf tanzt“, „Lawrence von Arabien“ und „Winnetou“. Ein happy end lässt sich schon früh absehen und macht zwar nicht die vielen Spezialeffekte, dafür aber die Rahmenhandlung zum Gähnen langweilig. Eigentlich wirkt der Film wie das supermoderne Computerspiel zu einer längst veralteten Kino-Vorlage. Der Held erlebt nach und nach seinen Aufstieg vom geduldeten Feind zum Quasi-Häuptling, ja gar zum Messias. Ganz gemäß der Computerspiele-Logik werde die Prüfungen unterwegs mit der Zeit immer schwieriger, und am Ende steht der große Endgegner sowie die Wiedergeburt im Paradies. Das virtuelle Laufen per Avatar im Urwald erinnert ein bisschen an die finalen Drogenrausch-Sequenzen aus „The Beach“, der Konflikt zwischen Gut und Böse, die Verwandlungs-Symbolik und das Pendeln zwischen beiden Welten an die großen Comic-Epen wie „Batman“ und „Spiderman“. Die Fülle an möglichen Anknüpfungspunkten ist endlos. So endlos, dass man den Eindruck bekommt, hier sei gar nichts Neues geschaffen, sondern alles in einem großen Kochtopf zusammen gerührt und mit exotischen Gewürzen versehen worden.

Allerdings gibt es neben all diesen akzeptablen Stärken und Schwächen – der zukunftsweisenden Technik, einigen wirklich innovativen filmischen Details, der dünnen eklektischen Story, dem gewohnt dumpf-spannenden Show down am Ende – doch auch einige Stellen, an denen der Film regelrecht ärgerlich wird. Es sind genau jene Stellen, in denen er die Ebene der zwei phantastischen Realitäten – die Science-Fiction der Erdenmenschen und die Science-Fiction der Pandora-Menschen – verlässt und reale Bezüge herstellt. Hier misslingt das allegorische Setting vollständig.

Da wären zum Einen die Verbindung einer retardierenden Öko-Message mit ausufernder esoterischer Natursymbolik.  Die menschenähnlichen Einwohner Pandoras pflegen eine ursprüngliche Verbindung mit dem Wald, seinen Pflanzen und seinen Tieren. Überdeutlich wird das symbolisiert durch einen an sich genialen Einfall – der Steckverbindung ihrer Zöpfe mit den Mähnen ihrer Reittiere oder auch mit den hängenden Zweigen des Baums der Seelen (unzählige Lichterketten von Butlers?), um mit den Verstorbenen zu kommunizieren: Wiederum wird ein Detail der Computerwelt (Steckverbindung, USB, Datenübertragung) mit den Erfordernissen einer fiktiven Naturwelt verschmolzen. Groß-groteske Ritual-Szenen, Massen-Gesänge, Anrufungen der Mutter-Erde-Gottheit Eywa, Wiedergeburten u.v.m. tun ihr Übriges.

Die Wissenschaftlerin Dr. Grace Augustine erklärt den Führern des RDA-Konzerns: „Der Reichtum dieser Welt liegt nicht in der Erde. Er umgibt uns überall. Die Na´vi wissen das und sie kämpfen, um ihn zu verteidigen. Wenn Sie diese Welt mit ihnen teilen wollen, müssen Sie sie verstehen.“ Und der Held Jake Sully stellt erbittert und frustriert die Verbindung zur Erdenrealität her: „So läuft das doch ständig. Wenn irgendwer auf irgendeiner Scheiße sitzt, die du haben willst: mach ihn zum Feind. Und das rechtfertigt dann, das du es nimmst.“

Im letzteren O-Ton klingt schon an, dass sich der Film nicht auf Öko-Esoterik beschränken will, sondern auch noch das Feld des Krieges beackert: Er enthält eine völlig platte Anti-Kriegs-Aussage und die dazugehörige tumbe Rhetorik. Als sich kurz vor der finalen Schlacht zwischen Konzern und Ökos die Armee der Eingeborenen unter dem Messias „Toruk Makto“ (einem in der Zeitrechnung der Na´vi sehr seltenen Ereignis – der Wiederkunft eines Messias vergleichbar) versammelt, erklärt Colonel Quaritch: „Unser einziger Schutz besteht in einem Präventivschlag. Wir bekämpfen Terror mit Terror.“ Wenn hier auf das schwierige Erbe des von den USA angeführten „Kriegs gegen den Terror“ angespielt wird, misslingen nicht nur die Allegorien. Es wird auch völlig bar jeder Psychologie, Einfühlsamkeit, Verständnis von Verwicklungen und Verstrickungen operiert. Die umfassende Erklärung von Kriegen aus der Sicht sowohl der Täter wie der Opfer ist für Hollywood-Blockbuster immer noch terra incognita. Im Übrigen ist die vorgeschlagene Lösung – Rückkehr zur Einfachheit, Rückkehr ins natürliche Paradies – eine Beleidigung für alle Menschen in Geschichte und Gegenwart, die den Fortschritt wollen, aber nicht den Krieg.

„Avatar“ ist ein optisches Spektakel, dem man sich aussetzen sollte, das man aber unter erzählerischen und inhaltlichen Qualitätsaspekten wirklich nicht ernst nehmen kann.

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2 Kommentare
  1. lookatmedesigns sagte:

    Fantastische Rezension! Dem ist nichts hinzuzufügen.

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