Die Rationalität des 21. Jahrhunderts

Viel zu viele Menschen haften noch wie Kletten an einem Setting von Denkmustern, das wir heute als veraltet und dem zurück liegenden Jahrhundert zugehörig erkennen. Leider sind überproportional viele intelligente Menschen unter ihnen, ganz einfach deshalb, weil intelligente Menschen dazu neigen, über ihre Umwelt anhaltend und tief nachzudenken und sich deshalb überhaupt für die Anwendung von Denkmustern eignen. Sie, diese zumal oft Mächtigen, gilt es heute zu überzeugen und ja, auch zu zwingen, und weil das so schwer ist, besteht eine überragende Notwendigkeit: öffentliche Debatte in dem besten, uralten Sinne eines Forums – also angewandte Demokratie. Nur bewusste und von allen gewusste Öffentlichkeit schafft einen Raum, in den hinein sich eine Politik der Gutwilligen gegen die restaurative Macht der Rückständigen entfalten kann.

Versuchen wir den Unterschied zwischen dem Denken des 20. Jahrhunderts einem neuen Denken des 21. Jahrhunderts gegenüber zu stellen, finden wir schnell – beinahe intuitiv – geeignete Topoi, von denen einer auch im aktuellen Tagesgeschehen zu Recht überpräsent ist, und das ist die Nutzung der Atomkraft. Sie ist bereits heute zu einem Erinnerungsort einer verflossenen Epoche geworden, was an der halb und halb nostalgischen Wiederkehr vom Protest mit den gelb-schwarzen Transparenten deutlich erkennbar ist: WackersBrokGorDorfLeben, Tschernoshima – Geschichte wiederholt sich nicht, schaut aber manchmal stark danach aus. Vielleicht geht dieser Teil des 20. Jahrhunderts mit dem Ereignis „Fukushima“ unter, ganz so wie ein anderer großer Topos des „kurzen Jahrhunderts“, die klare Einhegung militärischer Einflussbereiche (mit dem besonderen Merkmal der Deckungsgleichheit von räumlichen und ideologischen Grenzen) von dem ‚Ur-Ereignis‘ des 11. Septembers geradezu hinweg gefegt wurde. Heute lauert der Feind überall und nirgends, es kann der Nachbar sein oder auch ein Hirngespinst.

Es geht heute auch um die faktische Entwertung bzw. die kommende Neubewertung der menschlichen Instinkte und Triebe. Wir stellen fest, dass unsere Vorfahren und ihre Gesellschaften sich in vielen fundamentalen Fragen gerade nicht auf ihre ratio, sondern vielmehr auf ihre Instinkte stützten. Der dem Menschen scheinbar eingeborene Akkumulationstrieb zum Beispiel, dem nicht nur das Baby an der Mutterbrust, sondern auch der enthemmte Unternehmer bzw. ‚Börsianer‘ am Markt frönen. Klassische Vermeidungsstrategien – schauen wir uns nur einmal an, wie skeptische Gutachten zur unterirdischen Endlagerung von Strahlenmüll ebenfalls in den Untiefen von Aktenschränken ‚verschwinden‘ (Natürlich verschwindet eigentlich gar nichts: weder der Müll noch die Wahrheit der Expertise). Vogel-Strauß-Politik. Der Missstand beruht auf menschlicher Gier und diesem grundlegenden Dilemma: Während der Mensch vermittels seiner wissenschaftlich-technischen Rationalität unaufhörlich neue, komplexe Realitäten schafft, hinkt diese bei der Verwaltung und Nachsorge hinterher und er verlässt sich dann – den unangenehmen Tatsachen ausweichend – wiederum auf seine Instinkte. Dieses ist das Denk- und Handlungsmuster eines vergangenen Jahrhunderts. Wenn der Mensch so weiter macht, verliert die anthropozentrische Welt so sichtbar ihre Lebensgrundlage wie unsichtbar ihre Existenzberechtigung. Es gilt heute neue Instinkte zu entdecken und der wissenschaftlich-technischen Rationalität einen neuen Schliff zu verpassen.

Wir können uns dabei ein Beispiel an unserer Gattungsgeschichte nehmen. Erich Fromm beschreibt in Ihr werdet sein wie Gott den historischen ‚Moment‘ der oben genannten ‚Achsenzeit‘ als wie folgt: „Als der Mensch ein fragmentarisches Wissen von der Möglichkeit hatte, dass man das Problem der menschlichen Existenz durch die volle Entwicklung der menschlichen Kräfte lösen könnte, als er das Gefühl hatte, er könnte dadurch zur Harmonie gelangen, dass er Liebe und Vernunft voll entwickelte, anstatt den tragischen Versuch zu unternehmen, zur Natur zu regredieren und die Vernunft auszulöschen, … .“ Dieser Prozess ist heute nicht abgeschlossen, sondern befindet sich auf einem vielleicht ebenso tragischen Höhepunkt. Die Entwicklung der menschlichen Kräfte harrt nach wie vor ihrer Vollendung und unser Wissen um deren Möglichkeiten ist kaum mehr als fragmentarisch. Unser Drang, zu Harmonie zu gelangen und Liebe und Vernunft voll zu entwickeln kann mit unserem Zynismus und unserer Ignoranz nicht mithalten.

Viele haben den unbestimmten Eindruck, in einer Art neuen ‚Achsenzeit‘ zu leben, welche auf Grund der Beschleunigung unserer Umwelt und der globalisierten Kultur kaum Aussichten haben dürfte, so lange zu währen wie die berühmte historische ‚Achsenzeit‘ (K. Jaspers), die man zwischen 1500 und 500 v. Chr. anzusiedeln pflegt, und in der unabhängig voneinander, jedoch beinahe gleichzeitig, in den Hochkulturen der Welt die Basis für religiöse, philosophische, schließlich auch technisch-wissenschaftliche Rationalität gelegt wurde. Was wir gegenüber diesem eher diffusen Zeitgefühl deutlich spüren können, ist die Tatsache, dass wir – innerhalb dieser Achsenzeit und gleichsam als ihr Resultat – gleich mehrfach das Ende von „Brückenzeiten“ erleben. Als Brückenzeiten wollen wir einmal solche Zeiträume bezeichnen, die sich aufspannen zwischen einem Anfangsereignis einerseits, welches das Ende einer bestimmten historischen Realität einläutet weil möglich macht, sowie einem Endereignis andererseits, welches den Prozess augenfällig beendet. Die Nachkriegszeit war solch eine Brückenzeit, sie starb in der Revolte und im neuen Wohlstand der Sechziger Jahre. ‚Vom Zusammenbruch des Ostblocks bis zum 11. September‘ könnte auch solch eine Brückenzeit sein. ‚Von Tschernobyl bis Fukushima‘ ist eine plausible andere und zudem die tagesaktuelle.

Wenn solche Brückenzeiten zu Ende gehen, geschieht etwas in den Köpfen der Menschen und es gilt gerade dann, genau hinzuhören, es gilt gerade dann zu handeln. Die bleierne Schwere der Zeit oder auch ihre unerträgliche Leichtigkeit fällt ab. Es treten lange verdeckt schwelende Konfliktherde ins Bewusstsein, es werden aber auch Lösungsstragien sichtbar. Neue Horizonte öffnen sich. Plötzlich ist ganz viel möglich. Weichen in die Zukunft werden gestellt. Es sind Zeiten der Tatkraft und Zeiten großen öffentlichen Interesses. Das Atomzeitalter tritt mit Fukushima in die letzte Phase seiner Geschichte ein – in seine Abwicklungsphase. Es gibt kein Zurück mehr, der Zug rollt bereits, das erkennen auch konservative Parteiführer und sichern sich einen Platz im Salonwagen. Wer zu lange zögert, wird in der Holzklasse Platz nehmen müssen.

Auch noch aus einem anderen Grund gilt es, heute genau hinzusehen. Denn Umschwungphasen wie diese sind auch Zeiten, in denen die ansonsten ihr Geschäft wie im Schlaf verrichtenden Ungeheuer der Reaktion, der Restauration und des Profits aufwachen und einmal gezwungen sind, wirklich hart zu arbeiten. Nichts ist anstrengender als Konterrevolution, nichts muss sorgfältiger geplant und durchtriebener durchgeführt werden als Gegenreformation. Haben wir genau zugehört, als BWirtMin Rainer Brüderle das Kind beim Namen nannte? Noch arbeiten die Gegenreformatoren im Hintergrund. Fukushima steht im Vordergrund und es wird die Welt noch eine ganze Weile beschäftigen, monate-, vielleicht jahrelang. Aber Monate und wenige Jahre sind eine kurze Zeit, um die Weichen in eine andere Zukunft der Energieerzeugung zu stellen. Eine verwöhnte und ans Siegen gewöhnte Lobby wird sich nicht kampflos ergeben. Der Haifisch hat Zähne.

Es gilt nun, die Atomtechnologie endgültig zu entzaubern. Sie ist nicht sauber, so wie es in Hochglanzprospekten suggeriert werden soll. Ein Kühlwasserreaktor ist kein Spa Meridian, auch wenn er auf dem Foto ein wenig danach aussieht. Radioaktive Strahlung ist nicht unsichtbar, auch wenn man die Schäden im Moment der Verstrahlung nicht sehen kann – der Krebs bricht Jahre später aus, und dann kann man die Wirkung der Strahlung sehen. Atommüll ‚verschwindet‘ nicht einfach unter der Erde. Argumente gegen die Atomkraft ‚verschwinden‘ nicht zusammen mit dem Papier, auf das sie geschrieben sind, in den Akten-Giftschränken der Ministerien. Die wichtigsten Argumente gegen die Atomkraft aber werden äußerst geschickt vertuscht und verschleiert, denn sie betreffen gerade das Argument Nummer eins der Atomkraftbefürworter – Wirtschaftlichkeit. Die horrenden ökonomischen und ökologischen Kosten für den Bau von Atomkraftwerken, den Transport, die Zwischen- und Endlagerung von Atommüll ‚verschwinden‘ nicht einfach, nur weil man sie für das low-carbon-Image aus den Bilanzen heraushält. Der Bau eines neuen AKWs verschlingt Gelder und erzeugt Emissionen in Größenordnungen, welche die Investition in bzw. die Folgekosten von Investitionen in Energieeffizienz um ein Vielfaches übersteigen. Wie so oft werden die Profite privatisiert, die Kosten der Gesellschaft aufgebürdet. Im Fall der sensiblen, riskanten, aber im Massengebrauch befindlichen Hochtechnologien – so Kohle-, Gas-, Atomenergie – sind die Kosten nicht abschätzbar und werden somit auch weit entfernten künftigen Generationen und Gesellschaften aufgebürdet. Doch damit sind sie nicht aus der Welt.

All die offenbaren Gegenargumente und Evidenzen ‚verschwinden‘ zu lassen ist jedoch die ganze alchimistische Kunst der Reaktionäre und Profiteure der Atomkraft. Im Mittelalter hätte man sie ohne weiteres der Zauberei anklagen können, wie auch ihre Argumentationsstränge von Ferne an die einst berüchtigte „Jesuiterei“ erinnern. Im 20. Jahrhundert konnten sie sich noch halten, weil man sich in jenen Tagen auf seine Instinkte und Triebe verlassen durfte, und sich immer noch innerhalb des common sense bewegte. Dies aber sind veraltete Denk- und Handlungsmuster und sie sind nicht annähernd gut genug für das 21. Jahrhundert. Die Zeiten der Devise „Jetzt profitieren, später nachdenken“ sind vorbei und das muss nun allen lebenden Menschen, die es noch nicht wissen oder nicht wissen wollen, mitgeteilt werden. Profite auf Kosten der Umwelt, der Gesundheit der Menschen oder ihrer Zukunft sind unethisch. Das gilt für alle. Nicht nur für Aktionäre, auch für Politiker und Verbraucher.

Ist der in bisher nur einigen wenigen Ländern geplante ‚Ausstieg‘ aus der Atomenergie nun also eine Verrücktheit, eine Hysterie, wie es von den Reaktionären und den Profiteuren behauptet wird? Ist er zwar gewünscht, aber nicht sofort umsetzbar, wie es von den Relativisten behauptet wird, weil man doch unbedingt den Ausstieg aus dem fossilen Zeitalter schaffen muss? Nein, beides ist auf Perspektive möglich und notwendig. Wir brauchen nur die richtigen Politiker, die endlich ihre Finger aus den Gesäßtaschen der Atomlobby nehmen – und vice versa. Wir brauchen die richtige Öffentlichkeit, die endlich den ausreichenden Druck erzeugt.

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2 Kommentare
  1. andreasfecke sagte:

    Treffend, rational, vor allem ruhig. Werde mir erlauben, den Text zu benutzen….
    Wie schön, nach einem Jahr Pause wieder von Ihnen zu lesen!

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