Henryk goes Modestly frantic, way over the Broderline

Jedes Mal, wenn ich einen Beitrag von ihm lese, frage ich mich: Schläft er eigentlich nochmal eine Nacht über seine Beiträge, bevor er sie zum Abschuss frei gibt?

Henryk M. Broder schießt nämlich regelmäßig über´s Ziel hinaus, einfach weil er relativ zu seinen Zeitgenossen viel zu schnell unterwegs ist. Wenn man ihn einmal flüssig fahren lässt, kennt er weder Bremsen noch Begrenzungspfähle, der kleine Rocker. Er fährt mit Tempo 210 und schubst die Enten einfach aus dem Verkehr. Er muss sich auch nicht mühsam um ausgewogene Fakten, Beweise und gedankliche Tiefe kümmern, sein Boulevard ist die „Meinung“, gestern noch im Spiegel, heute schon in der Welt. Das macht es einem nicht gerade leicht. Einem Raser ist nur schwer mit Argumenten beizukommen. Einem Raser im Benz vom diplomatischen Korps ist noch nicht einmal mit der Polizei beizukommen. Das weiß Broder, deswegen macht´s ja auch so viel Spaß. Broder hasst angeblich die Polizei – aber auch das ist nur Spaß. Am Schlimmsten findet er angeblich die Gutmenschen-Polizei, die linke Gedankenpolizei. Die kennt er noch gut von seinen eigenen Verkehrskontrollen in den verquer friedensbewegten Sechziger und frühen Siebziger Jahren. Er hat selbst links geblinkt und ist dann rechts abgebogen. Heute gehört auch er zu unseren alt-linken Altlasten, den zu Neocons gewendeten  Schrei(b)hälsen, Fingerzeigernehemaligen Steinewerfern, Verrückten. Sie beweisen jeden Tag aufs Neue, dass sie den überspannten Jargon der Studentenbewegung nicht hinter sich lassen, dass sie ihn aber sehr wohl ins reaktionäre Idiom übersetzen können. Pragmatische, gelassene Naturelle wird man aus ihnen nicht mehr formen können.

Worum geht es diesmal? Nun, um die weltbewegende Frage, ob man sich über den Tod von Al-Qaida-Chef Osama bin Ladin öffentlich freuen darf – so wie es viele US-Amerikaner auf dem Times Square, aber auch Bundeskanzlerin Merkel in Berlin taten –, oder ob man die Umstände seiner Eliminierung kritisieren und gar bedauern darf – so wie es in vielen deutschen Medien, teilweise ein bisschen peinlich, geschah. Um es noch weiter zu differenzieren, entspinnt sich die Frage, ob „einfache“ US-Bürger – vielleicht aufgeputscht von der Tea-Party-Bewegung – ausgelassen feiern dürfen, wohingegen sich eine Repräsentantin Deutschlands schon durch das Wort „Freude“ dem Verdacht aussetzt, einem blanken Faustrecht der Massen respektive einer vom Faustrecht geprägten westlichen Sicherheitsdoktrin zu huldigen. Und anders herum: darf man die öffentliche Huldigung der Rache und des Faustrechts (wir haben noch George W. Bush im Ohr: [Zitat!!!] „Smoke ´em out„) kritisieren und als unangenehm empfinden, ohne sich dem Verdacht auszusetzen, man sei ein anti-amerikanisch ressentimentbeladener, gemütsgestörter, romantischer Germane aus dem dunklen Wald?

 Ihr feigen Deutschen seid passiv-aggressiv!

Damit sind wir mittendrin im „Denken“ des Henryk M. Broder. Ihn stört die in seinen Augen krittelnde, moralisierende Haltung „der Deutschen“ (Medien). Für ihn sind „die Deutschen“ unheilbar manisch depressiv. Sie geben vor, richtige Gandhi-Pazifisten zu sein, sind es aber gar nicht, sondern „nur faul, feige und passiv-aggressiv“. „Vom ständigen Gefühl der eigenen Unterlegenheit geplagt, gönnen sie anderen keine Demonstration der Überlegenheit.“ „Die Deutschen nehmen es übel, wenn ein Führer sie enttäuscht“. Gestern Hitler, heute Barack Obama. Sie knabbern angeblich immer noch an der „Schmach von 45“. Das Ableben des „Terrorfürsten“ (so wird bin Ladin in der „Welt“ bisweilen tituliert) habe unter „den Deutschen“ mit dem „vulkanartigen Gemüt“ eine „Megawelle des Mitgefühls“ ausgelöst.

Meine Güte! Welch ein fixiertes Durcheinander, welch ein Labyrinth. Broder wandelt selbst in einem romantisch verhexten Wald. Wie Ariadne ohne Faden. Er möchte mit Nietzsche ausrufen: Wohl zog ich den Schluss, nun aber zieht er mich. Broder wirkt wie ein Patient in der Seelentherapie, aus dem gerade ungehemmt all die internalisierten Zwänge seiner Bezugspersonen hervor sprudeln. Er geht beinahe so weit, „den Deutschen“ offene Sympathie für bin Ladin zu unterstellen – und vermutet dahinter den puren Antiamerikanismus oder Schlimmeres. Fakten, Beweise und gedankliche  Tiefe bleibt er uns wieder einmal schuldig. Wieder einmal verknetet er auch „die Deutschen“ mit dem eigentlichen Ziel seines unerschöpflichen Ärgers: der schwatzenden Klasse, dem links-libertären Journalismus, der heuchlerischen Bürgerklasse, dem spezifisch deutschen Appeasement. Wieder einmal würzt er seinen Brei viel zu scharf mit Anekdoten aus der ersten Hälfte eines versunkenen Jahrhunderts.

Im Grunde unterstellt Broder „den Deutschen“ latente imperiale Gelüste, Herrschaftsphantasien, die sie verschämt und verdruckst und neiderfüllt am großen Bruder USA abarbeiten. Da mag was dran sein, wenn es unter normalen Umständen auch nicht für einen ganzen Zeitungsartikel ausreichen dürfte. Dies aber mit einer spontan pazifistischen, antiimperialistischen Reaktion auf die Kommandoaktion in Pakistan beweisen zu wollen – das kann nur Broder. Und kurz bevor seine Argumentation ins Absurde abdriftet, macht er den Schlenker mit dem bloß vorgetäuschten Pazifismus. Er versteigt sich zu dem Satz, dass „die Deutschen“ instinktiv anderen keine Demonstration ihrer Überlegenheit gönnten. Ein autoritäres Argument. Stimmt, „die Deutschen“ mögen es inzwischen auch nicht, wenn eine chinesische Staatsführung Dissidenten und Künstler deportiert. Auch verschweigt Broder geflissentlich, dass es noch andere, durchaus auch US-Bürger gibt, denen beim imperialen Auftreten Washingtons ein bisschen mulmig wird. Wollen wir eigentlich ein starkes Völkerrecht oder das Recht des Stärkeren? „Die Deutschen“ von heute wählen überwiegend und ganz nüchtern das Völkerrecht.

Und noch etwas ist doch erstaunlich: zehn Jahre lang wurden die Menschen nun von Washington, von amerikanischen und von europäischen Politikern, von amerikanischen und von europäischen Medien mit einem völlig irrationalen, aus dem Ruder gelaufenen „Krieg gegen den Terror“ in Atem gehalten, aufgeputscht, paralysiert. Jetzt, wo man getreu eines unerfindlichen Zeitplans den Bandenführer endlich aus seiner Höhle heraus geräuchert und getötet hat, reagieren die Menschen ein bisschen irritiert und nicht unbedingt so, wie sie vor knapp zehn Jahren reagiert hätten. Wen wundert das? Die Menschen haben einen Instinkt entwickelt, der sie eine Erleichterung spontan mit neuen Bedenken aufnehmen lässt. Das ist längst keine deutsche Eigenart mehr, und wer hat sie in diesem Verhalten trainiert? Seien wir doch einmal ehrlich: die Angst vor dem Terror ist längst erloschen. Der brodelnde Vulkan ist zu einem erbärmlichen Gluthäuflein zusammen geschrumpft. Auch dafür ist die peacige Reaktion der Menschen auf die Tötung bin Ladins ein Beleg. Die Menschen glauben überwiegend nicht mehr, dass der bärtige, diabetische, nierenkranke Staatsfeind Nummer eins über die Macht verfügt, das Abendland zu zerstören. Ihnen ist vielleicht sogar klar geworden, dass er diese Macht niemals hatte. Sie fragen sich vielleicht sogar: wer hat ihnen diese Macht so lange einreden können?

Es waren die Überspannten, die Alarmisten, die Mystiker der öffentlichen Meinung und der öffentlichen Kultur. Die Rasenden, ob sie nun auf der Achse des Bösen oder auf der Achse des Guten übers Ziel hinaus schossen. Die Gefahr des Terrorismus ist real, sie wird uns begleiten, doch sie ist von einer Mehrheit der Menschen längst rationalisiert und entmystifiziert worden.

Ironischerweise wirft Broder – dem selbst die Chaleur des Autoritarismus aus jeder Faser kriecht – regelmäßig allerhand Leuten, früher zum Beispiel Alice Schwarzer, insbesondere aber präemptiv allen Deutschen ein autoritäres Gemüt vor. Klar trifft er mit seinem Eifer manchmal auch ins Schwarzbraune, die meisten Pfeile aber gehen daneben. So sind sie halt, die 68er. Reiben sich aneinander und an sich selbst, damit sie´s warm haben. Bekämpfen Intoleranz mit Intoleranz, Ressentiment mit Ressentiment, werfen sich gegenseitig Ödipus-Komplexe vor und bilden dabei ein veritables freudianisches Gruselkabinett. Erschrecken, Anfassen, Grimassieren – all inclusive. Eine Zeitlang werden diese Gaukler uns noch begleiten. Spätestens aber wenn auch sie vom „Gefällt mir“-Button abhängen, wird eine zu Recht gleichgültige Generation Facebook ihnen den Garaus machen. Oder Broder erfindet sich neu – als irres Browsergame zum Beispiel. Kill all Hippies. Avatare: Richard Nixon und er. Zuzutrauen wär´s ihm.

Was der gewendete 68er Broder von Vertretern der nachgewachsenden Generationen hält – also von jedem, der sein Abi nach dem deutschen Herbst gemacht hat und deswegen ein ahnungsloser Grünschnabel ist – hat er kürzlich in einer Polemik gegen Jakob Augstein deutlich werden lassen. In altväterlichem Pädagogen-Tonfall zersäbelte er den gefühlt allzu links-lauen, eigentlich aber gar ganz ruhigen und nachdenklichen Kommentar des Freitag-Herausgebers zur Tötung bin Ladins: „Jedes Mal, wenn ich eine Kolumne von Jakob Augstein lese, frage ich mich: Wie kann ein so kluger, gebildeter und sympathischer Mensch so einen Unsinn schreiben? Liegt es an der Berliner Luft, die ihm zu schaffen macht? An den großen Fußstapfen, in denen er wandelt? Oder will er nur seinen Lesern entgegenkommen, die er aus der Restekiste der DDR übernommen hat?“

Das, lieber Leser, ist Tempo 210. In diesem schneidenden Fahrtwind wird Augstein künstlich zur personifizierten Gutmenschen-Polizei aus Berlin (!cf. chronisch pleite, idealistisch, bohemisch) stilisiert, die vergeblich versucht, den Rocker Broder in einer lahmen Ente zu verfolgen. Und hat auch jeder die feine kleine ödipale Metapher von den zu großen Fußspuren mitbekommen? Broder weiß selbst, dass er viel zu schnell unterwegs ist, aber als versierter Alt-68er kann er das natürlich gleich auf sein Opfer projizieren: „Was immer es sein mag, jetzt hat Jakob Augstein sich selbst überholt.“ Setzen, sechs! Es muss hart gewesen sein in der verstaubten alten BRD, im verstaubten Köln, oder wo auch immer man diese Rhetorik lernen konnte. Es folgen in Broders Text der übliche Ritt über Stöckchen und Hölzchen, die affirmative Beschreibung der Identität von Äpfeln und Birnen, sowie das unvermeidliche Nazi-Namedropping. Wunderschön ist allerdings die abschließende Empfehlung Broders an Augstein (sie eignet sich im „journalistischen“ Stil übrigens auch als Empfehlung Broders an die BILD, seine vielleicht anvisierte nächste berufliche Station): „Mann [sic!] kann aber auch mal tief durchatmen und die Klappe halten.“

Ein wunderbares Schlusswort für alle rückwärts denkend Vorpreschenden, auf den Achsen des Bösen wie des Guten: Bitte einmal rechts ranfahren und ins Röhrchen pusten.

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3 Kommentare
  1. Dass Broder dieses Gesalbader über Bin Laden, dem manche noch eine Kerze anzünden und für ihn beten, bescheuert findet, freut mich. Und lieber Jakob Jung, nicht Broder zündet die Welt an, sondern die Bin Ladens lassens in U-Bahnen, Flugzeugen und Wolkenkratzer krachen und opfern ihrem irren religösen Größenwahn tausende unschuldiger Menschen.
    Ich hänge dann auch mal noch einen link an:

    http://antiregierung.wordpress.com/2011/05/05/dear-mister-president/

    Beste Grüße
    Hermanitou

  2. @Hermanitou

    Die Verurteilung terroristischer Anschläge erfolgt allerdings auf der Basis völkerrechtlicher Statuten. Hält man diese in der Verfolgung der Täter selber nicht ein, dann verliert man die legitime Basis für die Verurteilung der Taten und die Verurteilung der Täter.

    Wünschen Sie sich wirklich ein Rechtssystem mit subjektiven Ausnahmen.

    Jacob Jung

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