Charakterkomödie oder doch Trauerspiel?

Das ist bemerkenswert: wer glaubte der PR-Coup des Jahres mit Schmidt und Steinbrück laufe außerhalb jeder Konkurrenz, sieht sich getäuscht. Wieder einmal wagt ein Hamburger Medien-Schwergewicht die große Show: Guttenberg is back! Diesmal in der „Zeit“, noch ein bisschen gewagter und vielleicht auch noch ein bisschen absurder. Ein Lernbeispiel für schamlose PR: Nur wenige Tage Stunden nach der Entscheidung eines bayrischen Gerichts, den Herrn von und zu Guttenberg gegen Zahlung von 20.000 Talern vom Vorwurf der Hexerei und Lüge reinzuwaschen, wagt sich derselbe mit Hilfe eines großen Presseorgans wieder in die Offensive. Gerade weil zwischen den Schritten kaum Zeit vergeht, soll der Eindruck eines ungerechtfertigten, zumindest eines unangemessenen Verfahrens entstehen. Schließlich will der Freiherr nicht betrogen, sondern lediglich einen „ungeheuerlichen Fehler“ begangen haben. In der Tat, und damit keiner auf die Idee kommt, der Fehler liege in einem schamlosen Betrug, wird geschickt verschleiert was denn nun dieser Fehler eigentlich sei. Die Dekonstruktion der dazu passenden Rhetorik ist hier, wenn auch nur sehr knapp, sehr gut gelungen.

Diese herrlich bemühte ornamentale Sprache, welche den Sprecher manchmal zu den absurdesten Schlenkern verführt, ist im Übrigen in der Hauptsache keineswegs der behaupteten aristokratischen Gedanken- und Lebenswelt zuzuschreiben, also keineswegs eine Sache von Erziehung und Prägung. Sie ist vielmehr für jeden linguistisch eingeweihten Beobachter das Hauptindiz für die Hochstapelei.

  • „Die momentane Distanz zu den Dingen ist wohltuend.“
  • „Und dann ist es kein Können, dann ist es in meinen Augen ein Müssen.“
  • „Dass ich ein politischer Mensch, ein Zoon politikon, bleibe, steht außer Frage.“

Diese und dergleichen verschwurbelte sentenzenhafte Wendungen dienen planmäßig der Verschleierung von Makeln und Mängeln: dem Fehlen von tief empfundenen Selbstbewusstsein (Identität) und dem Fehlen von Selbstgenügen (nicht anzweifelbarem Können). Großsprecherei und Hochstapelei treten immer im Verein auf. Kein Wunder, dass das schöne Wörtchen „Hybris“ zum Wortschatz des Barons gehört und von ihm gar im Comeback-Interview genutzt wird, um in einem so bemerkenswerten wie durchschaubaren Schachzug eigene Schuld auf seine Partei und die Parteien im Allgemeinen abzuladen.

Hybride sind in der Tat nur der Lügenbaron höchstselbst und seine haarsträubenden Versuche, eine stringente Erzählung seiner selbst zu fabrizieren. Hier strickt ein moralisch abgehalfterter Adliger an seinem Erbe für die Nachwelt und merkt nicht, dass er sich durch jeden Versuch, durch jede halb durchdachte Sottise, durch jeden Zug, nur noch tiefer in sein Scheitern einspinnt.

Jeder Hochstapler entscheidet sich an einem bestimmten Punkt in seinem Leben für die Lüge und gegen die Wahrheit. Es sind Momente substanzieller Überforderung, an denen ein Mensch sich gegen den moralisch geradlinigen, aber schweren Weg und für den Weg des (vermeintlich) geringeren Widerstands entscheidet. Es beginnt unschuldig, aber dann kommen fünf oder zehn Gelegenheiten, umzukehren und wieder redlich zu arbeiten. Da wird entschieden. Und gerade bei diesem Vorgang handelt es sich eben um eine Charakterschwäche, einen zutiefst menschlichen Makel. Genau dies ist es, was der Baron nicht wahrhaben kann, was er verdrängt. Es kann nicht sein, was nicht sein darf. Die Erziehung war doch moralisch einwandfrei, ja gar an höchsten Ansprüchen ausgerichtet. (Wir erinnern uns an die Familiengeschichte im Dritten Reich).

Vielleicht werden wir durch die Öffentlichkeit der ganzen Angelegenheit Zeugen einer bereits bestehenden und sich vertiefenden Bewusstseinsspaltung. Verdrängung auf der großen Bühne. Den Fragen di Lorenzos im ZEIT-Interview merkt man diesen Verdacht an. Mehr noch: man erhält den Eindruck, dass Guttenberg auf gerade diesen einen Zwischenton gar nicht eingeht. Weil er es nicht kann?

Es sind die kurzen Satzwechsel und auch mal leise Zwischentöne, aus denen sich einiges herauslesen lässt. Wie zum Beispiel an dieser Stelle, wo Herr Guttenberg im Prinzip durchblicken lässt, dass öffentliches Ansehen und die Wahrnehmung in der Öffentlichkeit für sein Selbstbild und seine Selbstbewertung keine Rolle spielen:

ZEIT: Kann jemand, der Aufrichtigkeit und Geradlinigkeit zu seinen Markenzeichen gemacht hat, überhaupt zugeben, dass er nicht aufrichtig und geradlinig gehandelt hat?
Guttenberg: Gerade dann muss er es zugeben.
ZEIT: Ist das kein Dilemma?
Guttenberg: Nein, das ist der Anspruch an mich selbst, einen Fehler, den ich gemacht habe, auch offen zu benennen.
[…]
ZEIT: Der Film wird bereits jetzt mit Schtonk! verglichen, und da geht es immerhin um die größte Fälschungsgeschichte in der Geschichte des deutschen Journalismus. Befürchten Sie nicht, dass man für gewisse Aufgaben nicht mehr infrage kommt, wenn man Gegenstand einer solchen Satire geworden ist?
Guttenberg: Das kommt wahrscheinlich darauf an, wie man selbst darauf reagiert. Das Schöne ist ja, dass eine Satire eine Überspitzung ist und dass es hinter der Überspitzung auch noch einen normalen Menschen gibt. Und dieser Mensch zu sein, werde ich mir von einem Film gewiss nicht nehmen lassen.

Da hört jemand die Einschläge nicht. Oder er ignoriert sie bewusst, weil er nicht anders kann. Wer so wenig Bodenhaftung besitzt, so wenig Sinn für Haftung überhaupt, so wenig Verantwortungsbewusstsein durchblicken lässt, zugleich derart wort- und gestenreich gerade diese Eigenschaften von sich behauptet – im Unterschied zu Anderen von sich behauptet! – der darf durchaus als gefährlich bezeichnet werden. Gefährlich dumm, gefährlich dreist, oder beides.

Die boulevardeske Untertreibung der Causa Guttenberg ist unerträglich

Empörend ist nicht nur das Verhalten des Protagonisten dieser Komödie Tragödie Tragikomödie. Auch die Nebendarsteller und Statisten sind an Peinlichkeit und Dreistigkeit nicht zu überbieten.

Zum Einen die Medien. Die ZEIT – früher einmal ernst zu nehmendes Meinungsorgan – hat sich mit ihrem Altherausgeber Helmut Schmidt und ihrem Chef di Lorenzo längst auf das unterste PR- und Spin-Niveau herab begeben. Man kann hier positiv verbuchen, dass das geführte Interview einiges an interessanten psychologischen und soziologischen Einblicken zu bieten hat und bei einer Weigerung der ZEIT wäre das Interview samt Buch vom Spiegel produziert worden. Dennoch – es bleibt ein übler Nachgeschmack. Giovanni di Lorenzo hat damit übrigens alle Masken fallen lassen. Die Frage muss erlaubt sein, ob er sich irgendwie intellektuell zu Guttenberg hingezogen fühlt.

Zum Anderen die mit dem Fall befasste Justiz. Wenn einem Betrüger (juristisch gesehen oder realistisch gesehen) praktisch jede Freiheit gegeben wird – zusätzlich zu der Freiheit, welche er aufgrund seines Vermögens schon besitzt – sich aus seiner Causa heraus zu winden, ist die Grenze des Erträglichen längst erreicht. Er wird aber nur zur Strafzahlung eines lächerlichen Betrags von 20.000 Euro für einen gutten Zweck „verurteilt“ – lächerlich, wenn man sich seine durch die falsche Dissertation erschlichenen geldwerten Vorteile vorstellt. Sodann wird ihm ermöglicht, die Pressemitteilung der Staatsanwaltschaft zum „Urteil“ zeitlich mit seinem Comeback-Buch abzustimmen.

Schließlich das beredte Schweigen der politischen Klasse: Viel lauter müsste darauf hingewiesen werden, wie sehr Herr Guttenberg auch in Amt und Würden versagt hat. Und auch aus der Wissenschaft erhoffte man sich eine engagiertere Debatte. Man muss sich das immer wieder vor Augen führen: 1218 Plagiatsfragmente aus 135 Quellen, auf 94,4% aller Seiten, in 63,8% aller Zeilen führten zu einer Dissertation mit summa cum laude, deren betrügerische Unwertigkeit einigen Jura-Professoren bereits länger bekannt war, welche der Baron zu Guttenberg vermutlich auf dem Herrensitz im Beisein von Familie und Freunden mit Champagner feierte, denn sie führte zu einem weiteren Karrieresprung und damit zu weiteren geldwerten und anderen Vorteilen, unter anderem auch zu einer andauernden Glanz-und-Gloria-Kampagne der Springer-Presse inklusive Reaktivierung aristokratischer Gefühlsrudimente in der deutschen Bevölkerung, führte zu einem schlechten Wirtschafts- und einem unsäglichen Verteidigungsminister.

Hier sind Maßstäbe verloren gegangen. Man kann schon von italienischen Verhältnissen sprechen. Der notorische Silvio Berlusconi jedenfalls hätte seine helle Freude.

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