Notiz zum zweiten Teil der „Tribute von Panem“

Seit einigen Wochen kann man in den Kinos den zweiten von vier geplanten Teilen der „Tribute von Panem“ sehen – der Verfilmung der Buchtrilogie von Suzanne Collins.

Wie so oft bei lange gereiften und gut abgelagerten Buchvorlagen und deren filmischen Adaptionen geben die Stoffe exzellente Einsichten in den Zeitgeist, manchmal loten sie auch erst dessen tiefe unzugängliche Schichten aus, in seltenen Glücksfällen legen sie diese ganz frei. Man mag von den „Tributen von Panem“ halten was man will – der Zeitgeist wird ganz gut getroffen. Und es ist doch ein bisschen beängstigend, dass das Buch und die Verfilmung behaupten können ausgerechnet den Zeitgeist der Jugend zu treffen.

Über das Storytelling und die Motivik wurde bereits das meiste in ausreichender Qualität gesagt. Auch über psychische Motivationen der Beteiligten einschließlich der zugrunde liegenden Gesellschaftskritik. Was mich allerdings ein bisschen wundert ist dass ich bisher nichts über einen, wenn nicht den Kernsatz im zweiten Teil der Verfilmung gelesen habe, der thematisch alles auf den Tropfen gerinnen lässt (und vielleicht das Blut in den Adern auch).

Die Hauptfigur Katniss wird vom neuen Spielmacher (und späteren Putschisten) Plutarch Heavensbee gefragt wie ihr die dekadente Party gefalle auf der sich beide befinden. Sie entgegnet spitz sie sei etwas überwältigend. Darauf Heavensbee: „Sie ist widerlich. Aber wenn man die Moral beiseite lässt, kann man hier Spaß haben.“

Das ist just das Motto der Verfilmung bzw. des Romans und da beide ja zugleich kritischer Kommentar zum Zeitgeist sein wollen ist das wohl auch zugleich ihr kritischer Kommentar zum Zeitgeist: Das Leben ist eine ziemlich widerliche Party auf der man Spaß haben kann – wenn man die Moral beiseite lässt.

Wenn Deutschlandradio über den ersten Teil der Verfilmunglink urteilte:

„Unfug ist das, zynischer, böser Unfug. Krank. Eine neue Erfolgsserie soll Harry Potter und Twilight folgen. Der erste Teil ist übel. Geschmacklos. Eine dumpfe Verherrlichung von feinen Extrem-Brutalitäten unter Kindern.“

…so gilt dies für den zweiten Teil allerdings in ähnlicher Weise. Auch wenn die extreme Brutalität nicht mehr im Vordergrund steht handelt es sich hier doch nicht mehr um die Präsentation einer Story sondern auch um die Rechtfertigung ihrer Fortsetzung. Interessanterweise richtet sich die Brutalität nicht mehr gegen den Einzelnen sondern gegen die Gruppe, wodurch das Motiv Jeder gegen Jeden in diesem Teil etwas abgeschwächt ist. Ähnliches gab es kürzlich auch in der Verfilmung ‚Ender´s Game‘link, zu dem nicht nur die Parallele eines Science-Fiction-Settings existiert (s.u.).

Das wirklich erschreckende ist aber wohl dies: Wenn der Kernsatz – sozusagen die Moral am Ende der Parabel – meint, dass man auf dieser widerlichen Party Leben dennoch Spaß haben kann, dann stellt sich doch die Frage, warum die jugendlichen Protagonisten (fast) nie Spaß zu haben scheinen. Sie scheinen das Leben in jeder Sekunde als bitterernst zu empfinden, stehen ständig in Lebensgefahr und unter enormem Druck, können niemals los lassen und aus-gelassen sein.

In dieser Hinsicht ist der literarische Stoff im ersten wie auch hier im zweiten Teil nicht einfach nur erbärmlich und dekadent, wie z.B. Deutschlandradio meint. Ja, es ist komplexer Unsinn, wieder einmal im spielerischen Liebäugeln mit totalitaristischen Erklärungsansätzen, aber immerhin mit den korrekten literarischen MItteln der Übertreibung von Realitäten. Heraus kommt dies: dass auf den Seelen bereits von Kindern und Jugendlichen – sei es auch in einer Zukunft, deren Vorläufer wir aber heute schon sehen – ein brutales System lastet, dass sie immer früher in Konkurrenz-Zusammenhänge zwingt und das Kooperationsgebot offen in quasi-militärische Kontexte bettet. Die Kinderseelen empfinden das Setting als körperlich bedrohlich, oft sogar potentiell lebensbedrohlich.

Die Message lautet: es gibt oder es wird praktisch keine Kindheit mehr geben. Wenn Sie heute ein Kind haben dass unter ADHS, Angstzuständen oder Depressionen leidet, sollten Sie sich bestimmte Fragen stellen, zu deren Beantwortung Ihnen diese literarischen oder filmischen Stoffe vielleicht ein paar Hinweise geben kann.

P.S.: Den sozialpsychologischen Unterbau und ein Füllhorn an Erkenntnissen u.a. zur Kinderpsychologie bietet ein Aufsatz von John Kessel zum Roman ‚Ender´s Game‘: „Creating the Innocent Killer: Ender’s Game, Intention, and Morality“ (2004)link.

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1 Kommentar
  1. Johnd900 sagte:

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