Der Turmbau zu PISA

Deutschland jubelt über das etwas bessere Abschneiden bei der diesjährigen PISA-Studie. Was ein bisschen ärgerlich ist, denn solchen Studien kann man nicht trauen – jedenfalls nicht wenn man sie nicht selbst gefälscht hat. Und dass jetzt reihenweise Menschen in den Nachrichten zu Wort kommen, die das Bildungssystem – das man aus guten Gründen auch komplett ablehnen kann – verteidigen auf Basis einer Studie, der nicht zu trauen ist… was soll man davon halten?

Gleichzeitig trauern die Schweden ihren guten Ergebnissen bei vergangenen Studien hinterher. Kein Land ist weiter abgestürzt. Doch jetzt kommt heraus: anhand der studienimmanenten Kriterien lässt sich dieser Absturz gar nicht erklären. Es werden einige Gründe für die Verschlechterung vermutet, die aber allesamt aus dem Raster er Studie fallen. Die Studie ist offenbar blind für einige Realitäten mit großem Einfluss auf ihr Ergebnis.

Da wäre z.B. die völlige Wahlfreiheit der Eltern auf welche Schule sie ihre Kinder schicken sollen. So bildeten sich Streber- und Verliererschulen heraus. Insbesondere in Kombination mit einem weiteren Faktor: der zunehmenden Gentrifizierung der Städte. Die Konzentration von wohlhabenden und (allein schon von daher) in der Bildung engagierteren Familien steige seit Jahren an.

Es scheint als lägen hier negative gesellschaftliche Prozesse vor (die sich wahrscheinlich sogar selbst verstärken je mehr sie sich ineinander verschränken, dann wird ein Umschwenken immer schwerer), bei denen das Überschreiten einer bestimmten unsichtbaren Schwelle das Ergebnis derartiger Bildungsstudien negativ beeinflusst – und die Macher der Studien (und auch die meisten Vertreter des Bildungssystems, die sich auf derartige Studien verlassen) beziehen diese negativen Faktoren gar nicht in ihre Messung ein! Weil sie sie nicht kennen? Weil sie sie verleugnen und gar nicht so weit denken? Was ist das dann für eine Art von Wissenschaft? Sie ist so sehr von gesellschaftspolitischer Unehrlichkeit geprägt, dass man sie nicht Wissenschaft nennen kann. Unausweichliche Faktoren die sich aus offensichtlichen Entwicklungslinien der Gesellschaft ergeben werden aus dem Messergebnis heraus gehalten – mit der Folge, dass ihnen das nach ein paar Jahren auf die Füße fällt. In der Naturwissenschaft würde man die Versuchsanordnung korrigieren, aber in der Bildungswissenschaft…

Die Zeit derjenigen Bildungspolitiker, die gesellschaftliche Realitäten ausblenden und Leistungen von Schülern ausschließlich systemimmanent messen und verbessern wollen, sollte vorbei sein. Es wäre an der Zeit die Scheuklappen abzulegen und eine ganzheitliche Analyse vorzulegen, damit ganzheitlich reagiert werden kann. In Wirklichkeit wird nichts dergleichen passieren. Denn auf der einen Seite bremst die Sorte „Philologenverband“ – die ohnehin nichts von einem Umbau des Systems nach dem Beispiel der Skandinavier hält –, und auf der anderen Seite bremst die Sorte „reformorientiert aber etabliert“ – bei denen das Interesse an oder die Fürsorge für abgehängte Bevölkerungsschichten recht geschickt geheuchelt wird (wie wahrscheinlich auch in Skandinavien): man verhandelt deren Anliegen, verlässt aber (virtuell oder materiell) nie das aufgemotzte Schulgelände und stattet den Familien im 12. Stock der Vorstadtsiedlung mal einen Besuch ab.

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