„Der Westen“ – ein Phänomen, das man nie ganz zu fassen bekommt. Und dennoch weiß die Mehrzahl der Menschen mit diesem Begriff etwas anzufangen. Seit dem Untergang des Sowjetimperiums und dem Ende der Block-Konfrontation steht „der Westen“ vor allem für jene Staaten und Institutionen, für jene Wirtschaftsordnung und ganz allgemein auch für all jene Menschen, die scheinbar siegreich aus dem konfliktreichen 20. Jahrhundert hervor gegangen sind, also insbesondere in Nordamerika und der Europäischen Union. Dass dieser Sieg von kürzerer Dauer sein könnte, als man „im Westen“ hofft, lassen die Wachstumszahlen aufstrebender Nationen wie China und Indien ebenso erahnen wie die zahlreichen neuen Konflikte in aller Welt.

Dabei ist „der Westen“ keineswegs ein moralisch siegreiches Gebilde. Überall außerhalb seiner Grenzen wird sein Erfolg ebenso bestaunt wie gehasst. Eine altbekannte Form der Protektion prägt daher in neuem Gewand die Mentalität westlicher Länder und Konföderationen: man treibt Handel im Zeichen ausufernder weltweiter Mobilität durch die Globalisierung, und kontrolliert hinten herum alle Handelsbeziehungen. Man predigt die eigenen Politikmodelle noch im entlegensten Inselstaat, und schottet sich zugleich gegen den Einfluss nicht-westlicher Protagonisten so gut es eben geht ab. Man predigt das auf uns gekommene (westliche) Völkerrecht als Grundlage einer künftigen Weltordnung und führt gleichzeitig völkerrechtswidrige Kriege. Man handelt (Kosovo) und schweigt (Darfur), wo es einem gerade passt.

Doch nicht nur an seiner Abbruchkante zur Außenwelt zeigt „der Westen“ eine tiefe Spaltung. Auch in seinen „Eingeweiden“ sieht es bisweilen dramatisch aus. Konsumlust hat sich längst in Konsumterror verwandelt. Die Individualisierung des westlichen Menschen ist so weit über sich hinaus gewachsen, dass sie für viele nicht-westliche Kulturen kaum mehr zum Modell taugt. Westliche Zivilgesellschaften prallen auf religiös geprägte Parallelgesellschaften. Die Auswüchse des Wirtschaftsliberalismus bergen ungeheure Gefahren für die Stabilität von Nationen wie für die Freiheit vieler Menschen.

Der Titel dieses Blogs geht auf eine Sammlung von politischen Schriften des deutschen Philosophen und Soziologen Jürgen Habermas zurück („Der gespaltene Westen“, C.H. Beck Verlag 2004). Mit großer Sorge blickt Habermas darin auf das Weltgeschehen nach dem Fixpunkt-Ereignis des elften Septembers 2001. Für ihn besteht kein Zweifel an der moralischen Überkommenheit des US-amerikanisch geprägten Westen: „Machen wir uns nichts vor: die normative Autorität Amerikas liegt in Trümmern“. Gleichzeitig malt er aber auch das positive Bild einer kommenden weltweiten Bürgergesellschaft im Sinne Kants („Welt-Innenpolitik“, nicht „Weltregierung“) und sieht dafür in der Euroäischen Einigung wenn nicht die Blaupause, so doch immerhin ein erwähnenswertes Vorbild. Diese schöne Aussicht wird allerdings von vielen Beobachtern innerhalb wie außerhalb der Europäischen Union – und gleichermaßen auf der politischen Linken wie der Rechten – nicht geteilt. Ein neuer politisch regionaler und ökonomisch globaler Hegemon reife da heran, in seinen destruktiven Tendenzen kaum vom US-Imperium zu unterscheiden.

In diesem Blog sollen die Verfaltungen und Spaltungen der westlichen Gesellschaft, die innerliche wie äußerliche Bigotterie ihrer Mentalitäten und Handlungen untersucht und ausgeleuchtet werden. Das Blog nimmt zwar eine gezwungenermaßen westliche Perspektive ein. Es bemüht sich allerdings – neben der unverzichtbaren analytischen Genauigkeit im Einzelnen – besonders um eine synthetische, eine strategische Denkweise, die es erlaubt, das Andere, das Fremde im Eigenen mitzudenken. Wer nur Analyse betreibt, verfällt dem modellhaften Denken so sehr, dass er verliert, woran er eigentlich festhalten wollte: am unbedingten Realitätsbezug. Wer dagegen strategisch denkt, nimmt das große Ganze in den Blick. Und findet sich in einem Wald voller Widersprüche wieder. Aber immerhin hat er die Widersprüche vor Augen und lernt mit ihnen umzugehen. Denn nicht das schöne Modell ist die menschliche Realität, sondern das widersprüchliche große Ganze. Mehr als je zuvor gilt gerade für den andauernd vom Realitätsverlust bedrohten westlichen Menschen: Sapere aude! Habe Mut, dich deines Verstandes zu bedienen!

Edit: Selbstverständlich wird keinesfalls versucht, an Habermas anders als durch die Titulierung des Blogs anzuknüpfen – wie sollte es auch anders sein. Man verstehe das Blog als Ideensammlung und seinen Titel als deren Motto.

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