Archiv

Filmkritik

Seit einigen Wochen kann man in den Kinos den zweiten von vier geplanten Teilen der „Tribute von Panem“ sehen – der Verfilmung der Buchtrilogie von Suzanne Collins.

Wie so oft bei lange gereiften und gut abgelagerten Buchvorlagen und deren filmischen Adaptionen geben die Stoffe exzellente Einsichten in den Zeitgeist, manchmal loten sie auch erst dessen tiefe unzugängliche Schichten aus, in seltenen Glücksfällen legen sie diese ganz frei. Man mag von den „Tributen von Panem“ halten was man will – der Zeitgeist wird ganz gut getroffen. Und es ist doch ein bisschen beängstigend, dass das Buch und die Verfilmung behaupten können ausgerechnet den Zeitgeist der Jugend zu treffen.

Über das Storytelling und die Motivik wurde bereits das meiste in ausreichender Qualität gesagt. Auch über psychische Motivationen der Beteiligten einschließlich der zugrunde liegenden Gesellschaftskritik. Was mich allerdings ein bisschen wundert ist dass ich bisher nichts über einen, wenn nicht den Kernsatz im zweiten Teil der Verfilmung gelesen habe, der thematisch alles auf den Tropfen gerinnen lässt (und vielleicht das Blut in den Adern auch).

Read More

Advertisements

Um es gleich vorweg zu sagen: Dieser Film ist gut, sogar sehr gut, vielleicht ein bisschen zu gut. Er ist irgendwie alles und nichts. Er hält genau das ein, was man sich derzeit von einem über 300 Millionen Dollar teuren Kinospektakel aus Hollywood verspricht. Superspezialeffekte, eine neu entwickelte 3D-Technik („Virtual Camera“), auf die Regisseur James Cameron und die von ihm betraute Firma stolz sein können. Eine ebenso stolze Entwicklungszeit für den Film von ca. 15 Jahren, wahrscheinlich nicht, um einfach nur Kubrick nachzueifern. Daneben die üblichen US-amerikanischen Gepflogenheiten, die Versessenheit auf militärischen Slang, die Siegerpose, das Schwarz-Weiß-Denken. Hinzu ein paar Prisen von so ziemlich allem, was die Welt heute umtreibt: Ökologie, Ökonomie, Rohstoffressourcen, Krieg, Gier und Kapitalismus und Freiheit davon, Weltflucht, Second Life, Vereinzelung und Erlösung von der Vereinzelung. Camerons genialer Coup neben der Kameratechnik ist die Verschmelzung und Deckungsgleichheit einer virtuellen Game-Parallelwelt mit der Vorstellung von einer ganz realen intakten Naturwelt: „Alles ist verkehrt ´rum. Da draußen ist die wirkliche Welt. Und das hier drinnen ist der Traum.“ Nur eins fehlt dem bemüht allegorischen Spektakel: eine Story. Und das ist nur bei oberflächlicher Betrachtung verzeihlich. Man hätte nicht Kubrick heißen müssen, um in 15 Jahren eine bessere Geschichte entwerfen zu können. Ungeachtet all dessen hat der Film mit Hilfe des Social Web binnen Wochen mehr Geld eingespielt als „Titanic“.

Read More

ARD-Film „Die Treuhänderin“ scheitert am Verschweigen

Regisseur Horst Königstein zeichnet den Lebens- und vor allem Karriereweg Birgit Breuels nach – von ihrer Herkunft aus der Hamburger Bankier-Aristokratie über die Finanzministerin in Niedersachsen zur Treuhand-Chefin, Beauftragten der Expo 2000 und schließlich ihrem Rückzug ins Privatleben und Ausführung von Ehrenämtern. Dabei wirkt das Storytelling Königsteins oftmals aufgesetzt und abgehackt. Er kommt seiner Protagonistin nicht ein einziges Mal wirklich in die Quere oder auch nur nahe. Sein größter Fehler aber ist: er ist völlig unpolitisch. Das Bio-Pic vermeidet eine ausbalancierte kritische Würdigung, und ist damit sowohl von der Optik, als auch dem Inhalt her gesehen nicht besser als eine GZSZ-Folge.

Kritische Episoden sind in diesem Film Fehlanzeige. Auch die zahlreichen befragten Zeitgenossen und Weggefährten Birgit Breuels sind ausnahmslos voller Bewunderung und Lob für ihre Lebensleistung. Dass sich die gelernte Einzelhandelskauffrau in ihren Treuhandzeiten als eisenharte Vollstreckerin rein kapitalistischer Interessen erwies, wird ausgeklammert. Kritiker kommen nicht zu Wort. Da man von diesem Film aber auch so rein gar nichts Brauchbares Lernen kann, muss man sich woanders umsehen:

Hier zum Beispiel findet man eine vorbildliche Biografie über Birgit Breuel im Netz, die auch Schattenseiten ausleuchtet und zeigt, dass diese eiserne Lady nicht nur die Wirtschaft des Landes Niedersachsen mit ihrem neoliberalen Besen verheert hat, sondern auch, wie nach ihrer Übernahme der Treuhand nach Rohwedders Tod die Privatisierungs-Welle zu einem Privatisierungs-Tsunami wurde.

Hier ein etwas älteres Interview der ZEIT mit Edgar Most (2004). Der Ex-DDR-Bankier und dann Chef der Deutschen Bank in Berlin kennt die Welten beiderseits des ehemaligen Eisernen Vorhangs und ist daher ein wertvoller Zeitzeuge. Im Interview antwortet er auf die Frage, ob es Mitte der Neunziger Jahre einen Wendepunkt gab, ab dem der Kapitalismus „los marschierte“:

„Für mich war ein Wendepunkt die Ermordung von Carsten Rohwedder, dem Treuhand-Chef. Sein Motto war: Erst sanieren, dann privatisieren. […] Als Birgit Breuel seine Nachfolgerin wurde, war alles anders. Sie hatte die Vorgabe, dass es in drei Jahren keine Treuhand mehr gibt. Also wurde totgemacht und abgewickelt.“

Und schließlich hier eine der wenigen engagierten Besprechungen des Films von Franziska Augstein in der Süddeutschen Zeitung. Freilich aus gutem Grund ein Verriss.

Filmemacher Horst Königstein hat immerhin schon gemeinsam mit Heinrich Breloer an den Dokus über die Familie Mann bzw. Albert Speer gearbeitet.  Von dem ärgerlich banalen und banalisierenden Filmchen über Birgit Breuel war man aber offenbar bei der ARD selbst nicht so sehr  überzeugt und entschied sich daher für den verdrucksten Sendeplatz um 23:25 Uhr.