Archiv

Gesellschaft

Seit einigen Wochen kann man in den Kinos den zweiten von vier geplanten Teilen der „Tribute von Panem“ sehen – der Verfilmung der Buchtrilogie von Suzanne Collins.

Wie so oft bei lange gereiften und gut abgelagerten Buchvorlagen und deren filmischen Adaptionen geben die Stoffe exzellente Einsichten in den Zeitgeist, manchmal loten sie auch erst dessen tiefe unzugängliche Schichten aus, in seltenen Glücksfällen legen sie diese ganz frei. Man mag von den „Tributen von Panem“ halten was man will – der Zeitgeist wird ganz gut getroffen. Und es ist doch ein bisschen beängstigend, dass das Buch und die Verfilmung behaupten können ausgerechnet den Zeitgeist der Jugend zu treffen.

Über das Storytelling und die Motivik wurde bereits das meiste in ausreichender Qualität gesagt. Auch über psychische Motivationen der Beteiligten einschließlich der zugrunde liegenden Gesellschaftskritik. Was mich allerdings ein bisschen wundert ist dass ich bisher nichts über einen, wenn nicht den Kernsatz im zweiten Teil der Verfilmung gelesen habe, der thematisch alles auf den Tropfen gerinnen lässt (und vielleicht das Blut in den Adern auch).

Read More

Advertisements

Vielleicht brauchen wir eine neue Verfassung für diese Gesellschaft? Vielleicht brauchen wir ein Amendment nach Art des US-amerikanischen Verfassungsrechts, eine Erweiterung von überkommenen, bestehenden Verfassungen. Wir müssen uns wiederholt fragen, von Zeit zu Zeit: ist unser Zusammenleben noch in Ordnung? Ist unser Leben besser oder schlechter als vor zehn Jahren? Wird es in zehn Jahren noch so gut sein können wie heute? Reicht die aktuelle, bestehende Verfassung aus um Frieden und Wohlstand zu sichern? Oder schürt sie im Gegenteil – sei es aktiv durch unfriedliche oder ungerechte Normen, sei es passiv durch eine Haltung des Laissez-faire gegenüber unfriedlichen oder ungerechten Akteuren – sogar den Unfrieden oder gefährdet sie im Gegenteil sogar den Wohlstand? Diese Art Fragen muss sich jeder treu aber souverän denkende und empfindende Bürger eines Gemeinwesens von Zeit zu Zeit stellen und sie sich beantworten. Wenn er aber zu einem Ergebnis gekommen ist, so ist es geradezu seine Pflicht entsprechend zu handeln.

Warum entwerfen wir nicht gemeinsam ein Amendment zur bestehenden Verfassung? Virtuell, aber dennoch ganz real, mit Auswirkungen auf das konkrete Leben von möglichst vielen Teilnehmern aus möglichst vielen verschiedenen gesellschaftlichen Bereichen, „from all walks of life“ wie Amerikaner sagen würden. Eine verbindliche und verbindende Sammlung von Normen und erwünschten Wirkungen dieser Normen, an die sich alle Teilnehmer zu halten verpflichten. Mit einer Website auf der es regelmäßig Statements von Teilnehmern zu lesen gibt, was sie durch den „eigenen Verfassungszusatz“ im Alltag erleben und was sich durch ihn in ihrem Leben vielleicht verändert hat.

Tipp: ein guter Beitrag auf jungle-world über Freiheit und die vielfältige Formbarkeit ihres Gegenteils oder ihrer diversen Aberrationen, inklusive des Pizzicato eines Bundespräsidenten, der sich eloquent als Erbpächter derselben versteht, wohl ohne zu merken, dass er sich auf verräterische Weise permanent in einem solchen Rechtfertigungs-Modus präsentiert, als müsse er seine Erbpacht in einem lebenslangen Gerichtsverfahren gegenüber den „unverständigen Schäfchen“ erstreiten und nicht gegenüber den Mächtigen, Reichen und Einflussreichen.

Der gesellschaftliche Wandel ist in vollem Gange und vollzieht sich je nach Betrachtungswinkel in ungeheurer Geschwindigkeit. Was für ein Wandel ist das? Einer des Übergangs zu einer „Mitmach-Gesellschaft“. Dank sei dem Glasfaserkabel, dem Beschleuniger. Der öffentliche Raum – der in gesunden Gesellschaften immer ein Diskursraum sein muss – wurde in den zurück liegenden zwanzig Jahren der stümperhaften, versuchsweisen Beschleunigung fast vollständig entleert, durch Neoliberalismus entmutigt, durch Talkshows vulgarisiert, durch Individualismus und Hedonismus zersplittert. Es war eine Zeit der Dekadenz. Fortan wird wieder etwas aufgebaut. Es ist keine Frage mehr ob es eine netzaffine Mehrheitsgesellschaft geben wird, sondern nur noch wann diese die Macht ergreift und ihre Ideen umsetzt.

Bei unvoreingenommener Betrachtung zeigt sich, dass die Neuerungen tatsächlich aus den Trümmern der gescheiterten Zivilgesellschaft erstehen. Der ausufernde Liberalismus wird nicht etwa durch neue Mauern ersetzt, sondern mit einem freibeuterischen Ultra-Liberalismus gekontert. Der konservative Versuch, den exhibitionistischen Blick des Individuums auf den eigenen Nabel zu diskreditieren, gerät halbherzig und ins Stocken. Die Beschleunigung wird nur noch von wenigen Slow-Food-, Slow-Life-Jüngern entäußert, von der Masse aber verinnerlicht, konstruktiv angenommen.

Für die Strategen unter den Mächtigen vollzieht sich dieser Wandel zu schnell. Mit jeder Minute des Zuwartens verringern sich die Möglichkeiten, das Wasser der Transformation auf die eigenen Mühlen zu lenken. Wie schade. Dabei hatte man doch gerade den Sieg davon getragen. Den Kommunismus besiegt, die Gewerkschaften gezähmt, die Sozialdemokraten therapiert, und nun das! Alle auf diesen Bemühungen fußenden Errungenschaften partikularer Machtzirkel geraten unter den Druck der partizipationshungrigen Massen: träge Massenmedien, konservative Regierungen, profitorientierte Energieversorger, etc.

[tbc]