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Wirtschaft

Zum neuen Jahr: ein Hinweis auf das, worauf wir im nächsten Jahr achten sollten und darauf, was im nächsten Jahr wahrscheinlich auf uns zu kommt.

Der Schweizer Soziologe Jean Ziegler spricht in diesem nicht ganz neuen Interview von einer ausbleibenden Revolution. Dennoch sei „eine ganz tiefe Unruhe, ein ganz tiefer innerer Bruch da, bei den Menschen des Westens, mit dieser kannibalischen Weltordnung, die beherrscht wird vom Banken-Banditismus. Und eines Tages wird es den Aufstand des Gewissens geben.“

Ziegler ist eine der relativ wenigen ebenso unbeugsamen wie unliebsamen, ebenso international vernetzten wie unbestechlichen Stimmen, deren Gewicht ausreicht um in den korporativen Medien gebracht zu werden. Leider nur nachts…

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Das Handelsblatt schreibt über „Die Mär von den faulen Ausländern“:

„Viele Menschen sind überzeugt: Zuwanderer wollen nur den Sozialstaat ausnutzen. Eine neue Studie widerspricht der Stammtischeparole deutlich. Migranten wollen arbeiten.“

Bei derlei Beiträgen muss ich mich immer wundern. Warum? Weil ich keine neue Studie benötige um zu wissen, dass Menschen in der Regel arbeiten und ihrer sozialen Umgebung nützlich sein wollen. Man muss sie dies aber auch tun lassen und die richtigen Rahmenbedingungen dafür setzen. Über das Fehlen und die systematische Abschaffung dieser Rahmenbedingungen – positive Rückkopplungen – wünschte ich mir mehr Beiträge von den Papiermedien. Hier herrscht aber oft Schweigen im Blätterwald.

Man darf sich halt nicht täuschen lassen: auch wenn das Handelsblatt gegen die „Stammtischparole“ von BILD, Sarrazin u.a. schreibt, wärmt es gerade deren Stammtischparolen auf und versucht sich – auf billige – Art und Weise abzugrenzen und linksliberal davon zu positionieren. Dies lässt sich beim Spiegel, der Zeit, sogar der Süddeutschen und vielen anderen beobachten: ein großes Kartell, wenn es darum geht, eine bestimmte journalistische Linie zu verfolgen.

Man will sich von denen nicht täuschen lassen. Deshalb ist es gut, wenn man sich immer wieder wundert.

Der britische Independent spricht vom „Goldman Sachs Project“ in einem Beitrag mit dem Titel What price the new democracy? Goldman Sachs conquers Europe.

Die Inthronisierung Mario Montis in Italien wird als Meisterstück der Strippenzieher dieses Projekts gesehen: undemokratisch und nicht durch Wahlen legitimiert, bereit zur Ausübung von Notstandsbefugnissen, mit einem einzelnen Goldman Sachs Berater als zugleich Ministerpräsident und Chef der wichtigsten Ministerien. Da dieses Gremium keinerlei demokratische Bindung mehr hat, wird man sehr genau auf die Legislative im Parlament und vor allem auf die Judikative schauen müssen, um ein Gespür zu erhalten, was in einem auf solche Art von technokratischen Oligarchen-Handpuppen gekaperten Land möglich ist und was nicht.

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Immer gewalttätigere Proteste der Bevölkerungen in New York, Athen, Rom, etc. – die Lage in Ländern mit so genannter „Schieflage“ heizt sich immer weiter auf. Die meisten anderen Länder weisen ebenfalls „Schieflagen“ auf, aber scheinbar ist die Finanzindustrie (noch) nicht groß genug um alle Länder gleichzeitig anzugreifen und nach ihren Vorstellungen umzumodeln. Deshalbt pickt sie sich die schwächsten heraus und übernimmt dort die Macht. Ganz offen, ohne viel Widerstand staatlicherseits und ziemlich professionell.

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Viel zu viele Menschen haften noch wie Kletten an einem Setting von Denkmustern, das wir heute als veraltet und dem zurück liegenden Jahrhundert zugehörig erkennen. Leider sind überproportional viele intelligente Menschen unter ihnen, ganz einfach deshalb, weil intelligente Menschen dazu neigen, über ihre Umwelt anhaltend und tief nachzudenken und sich deshalb überhaupt für die Anwendung von Denkmustern eignen. Sie, diese zumal oft Mächtigen, gilt es heute zu überzeugen und ja, auch zu zwingen, und weil das so schwer ist, besteht eine überragende Notwendigkeit: öffentliche Debatte in dem besten, uralten Sinne eines Forums – also angewandte Demokratie. Nur bewusste und von allen gewusste Öffentlichkeit schafft einen Raum, in den hinein sich eine Politik der Gutwilligen gegen die restaurative Macht der Rückständigen entfalten kann.

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ARD-Film „Die Treuhänderin“ scheitert am Verschweigen

Regisseur Horst Königstein zeichnet den Lebens- und vor allem Karriereweg Birgit Breuels nach – von ihrer Herkunft aus der Hamburger Bankier-Aristokratie über die Finanzministerin in Niedersachsen zur Treuhand-Chefin, Beauftragten der Expo 2000 und schließlich ihrem Rückzug ins Privatleben und Ausführung von Ehrenämtern. Dabei wirkt das Storytelling Königsteins oftmals aufgesetzt und abgehackt. Er kommt seiner Protagonistin nicht ein einziges Mal wirklich in die Quere oder auch nur nahe. Sein größter Fehler aber ist: er ist völlig unpolitisch. Das Bio-Pic vermeidet eine ausbalancierte kritische Würdigung, und ist damit sowohl von der Optik, als auch dem Inhalt her gesehen nicht besser als eine GZSZ-Folge.

Kritische Episoden sind in diesem Film Fehlanzeige. Auch die zahlreichen befragten Zeitgenossen und Weggefährten Birgit Breuels sind ausnahmslos voller Bewunderung und Lob für ihre Lebensleistung. Dass sich die gelernte Einzelhandelskauffrau in ihren Treuhandzeiten als eisenharte Vollstreckerin rein kapitalistischer Interessen erwies, wird ausgeklammert. Kritiker kommen nicht zu Wort. Da man von diesem Film aber auch so rein gar nichts Brauchbares Lernen kann, muss man sich woanders umsehen:

Hier zum Beispiel findet man eine vorbildliche Biografie über Birgit Breuel im Netz, die auch Schattenseiten ausleuchtet und zeigt, dass diese eiserne Lady nicht nur die Wirtschaft des Landes Niedersachsen mit ihrem neoliberalen Besen verheert hat, sondern auch, wie nach ihrer Übernahme der Treuhand nach Rohwedders Tod die Privatisierungs-Welle zu einem Privatisierungs-Tsunami wurde.

Hier ein etwas älteres Interview der ZEIT mit Edgar Most (2004). Der Ex-DDR-Bankier und dann Chef der Deutschen Bank in Berlin kennt die Welten beiderseits des ehemaligen Eisernen Vorhangs und ist daher ein wertvoller Zeitzeuge. Im Interview antwortet er auf die Frage, ob es Mitte der Neunziger Jahre einen Wendepunkt gab, ab dem der Kapitalismus „los marschierte“:

„Für mich war ein Wendepunkt die Ermordung von Carsten Rohwedder, dem Treuhand-Chef. Sein Motto war: Erst sanieren, dann privatisieren. […] Als Birgit Breuel seine Nachfolgerin wurde, war alles anders. Sie hatte die Vorgabe, dass es in drei Jahren keine Treuhand mehr gibt. Also wurde totgemacht und abgewickelt.“

Und schließlich hier eine der wenigen engagierten Besprechungen des Films von Franziska Augstein in der Süddeutschen Zeitung. Freilich aus gutem Grund ein Verriss.

Filmemacher Horst Königstein hat immerhin schon gemeinsam mit Heinrich Breloer an den Dokus über die Familie Mann bzw. Albert Speer gearbeitet.  Von dem ärgerlich banalen und banalisierenden Filmchen über Birgit Breuel war man aber offenbar bei der ARD selbst nicht so sehr  überzeugt und entschied sich daher für den verdrucksten Sendeplatz um 23:25 Uhr.