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In einem Beitrag für seinen Blog print-wuergt.de unter dem Titel „Die Partei, die Partei, die ist immer schlecht“ spricht sich Michalis Pantelouris gegen die öffentliche, vor allem kritische Debatte rund um die vom ZDF-Verwaltungsrat beschlossene Entlassung des Chefredakteurs Nikolaus Brender aus:

„Nun geht ein Aufschrei durch die Republik, der wirkt, als wäre die Demokratie in Gefahr, wegen des unerträglichen Hineinregierens der Parteien oder gar der Regierungen in die Öffentlich-Rechtlichen Sender. […]Ein großer Teil der Kritik ist allerdings geradewegs undemokratisch.“

Der Beitrag greift leider viel zu kurz und enthält auch schlichte Halbwahrheiten. Er verdreht die Positionen der Argumente und Handlungen, denen entweder das Label „demokratisch“ oder „undemokratisch“ zukommt. Er lässt historische, juristische und medientheoretische Bedenken gegen die aktuelle Regelung des öffentlich-rechtlichen Rundfunks außer Betracht. Er lässt sich aber auch als Beispiel für weit verbreitete Missverständnisse in Bezug auf unabhängigen Journalismus, Parteiendemokratie und Proporze lesen.

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Öffentlich-rechtliches Fernsehen in der Demokratur

Seinen Wunsch an die ZDF-Verwaltungsrats-Sitzung hatte Stefan Niggemeier am vergangenen Mittwoch folgendermaßen formuliert:

„Ich hoffe, dass Nikolaus Brender am kommenden Freitag keine Mehrheit im Verwaltungsrat bekommt. Dass die CDU-Schergen für einen Eklat sorgen und den Vorschlag von ZDF-Intendant Markus Schächter für eine weitere Amtszeit des Chefredakteurs ablehnen.

Denn wenn Roland Koch ohne gute Gründe einen Chefredakteur abwählen lässt, nur weil er es kann, ist das schlimm. Der eigentliche Skandal ist es aber, dass er es kann.

Und um daran etwas zu ändern, muss die Sache noch viel mehr eskalieren. Wenn aber durch irgendein Wunder oder späte Einsicht einiger Unionsvertreter Brender doch noch im Amt bestätigt würde, könnten alle wieder zur Tagesordnung zurückkehren.“

Nun, Brender hat gestern keine Mehrheit bekommen. Schächters Vorschlag wurde aber auch – wirkungslos zwar, aber immerhin – durch das Patt von 7 zu 7 Stimmen nicht eindeutig negativ beantwortet. Ein Eklat ist nicht draus geworden und am Tag danach hielten die Medien sich mit Kritik an den „CDU-Schergen“ auffällig zurück. Es scheint so, als wäre Brender nicht im Amt bestätigt, und trotzdem würden alle wieder zur Tagesordnung zurückkehren. Dies ist ein Ergebnis, welches vor allem einem Beteiligten zu Pass kommt: Roland Koch (CDU).

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ARD-Film „Die Treuhänderin“ scheitert am Verschweigen

Regisseur Horst Königstein zeichnet den Lebens- und vor allem Karriereweg Birgit Breuels nach – von ihrer Herkunft aus der Hamburger Bankier-Aristokratie über die Finanzministerin in Niedersachsen zur Treuhand-Chefin, Beauftragten der Expo 2000 und schließlich ihrem Rückzug ins Privatleben und Ausführung von Ehrenämtern. Dabei wirkt das Storytelling Königsteins oftmals aufgesetzt und abgehackt. Er kommt seiner Protagonistin nicht ein einziges Mal wirklich in die Quere oder auch nur nahe. Sein größter Fehler aber ist: er ist völlig unpolitisch. Das Bio-Pic vermeidet eine ausbalancierte kritische Würdigung, und ist damit sowohl von der Optik, als auch dem Inhalt her gesehen nicht besser als eine GZSZ-Folge.

Kritische Episoden sind in diesem Film Fehlanzeige. Auch die zahlreichen befragten Zeitgenossen und Weggefährten Birgit Breuels sind ausnahmslos voller Bewunderung und Lob für ihre Lebensleistung. Dass sich die gelernte Einzelhandelskauffrau in ihren Treuhandzeiten als eisenharte Vollstreckerin rein kapitalistischer Interessen erwies, wird ausgeklammert. Kritiker kommen nicht zu Wort. Da man von diesem Film aber auch so rein gar nichts Brauchbares Lernen kann, muss man sich woanders umsehen:

Hier zum Beispiel findet man eine vorbildliche Biografie über Birgit Breuel im Netz, die auch Schattenseiten ausleuchtet und zeigt, dass diese eiserne Lady nicht nur die Wirtschaft des Landes Niedersachsen mit ihrem neoliberalen Besen verheert hat, sondern auch, wie nach ihrer Übernahme der Treuhand nach Rohwedders Tod die Privatisierungs-Welle zu einem Privatisierungs-Tsunami wurde.

Hier ein etwas älteres Interview der ZEIT mit Edgar Most (2004). Der Ex-DDR-Bankier und dann Chef der Deutschen Bank in Berlin kennt die Welten beiderseits des ehemaligen Eisernen Vorhangs und ist daher ein wertvoller Zeitzeuge. Im Interview antwortet er auf die Frage, ob es Mitte der Neunziger Jahre einen Wendepunkt gab, ab dem der Kapitalismus „los marschierte“:

„Für mich war ein Wendepunkt die Ermordung von Carsten Rohwedder, dem Treuhand-Chef. Sein Motto war: Erst sanieren, dann privatisieren. […] Als Birgit Breuel seine Nachfolgerin wurde, war alles anders. Sie hatte die Vorgabe, dass es in drei Jahren keine Treuhand mehr gibt. Also wurde totgemacht und abgewickelt.“

Und schließlich hier eine der wenigen engagierten Besprechungen des Films von Franziska Augstein in der Süddeutschen Zeitung. Freilich aus gutem Grund ein Verriss.

Filmemacher Horst Königstein hat immerhin schon gemeinsam mit Heinrich Breloer an den Dokus über die Familie Mann bzw. Albert Speer gearbeitet.  Von dem ärgerlich banalen und banalisierenden Filmchen über Birgit Breuel war man aber offenbar bei der ARD selbst nicht so sehr  überzeugt und entschied sich daher für den verdrucksten Sendeplatz um 23:25 Uhr.