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Hoffnungsträger Obama lässt noch schneller Federn als die Truthähne zu Thanksgiving

Wie schön waren doch die Zeiten, vor etwa einem Jahr, als die Überbringung von frohen Botschaften das Privileg eines jungen und dynamischen Juristen aus Chicago zu sein schien. Die Menschen aus „God´s own country“ und in vielen anderen Ländern jubelten dem Bewerber um das höchste Staatsamt zu, so als zöge ein neuer König in die Stadt ein, und sie ersehnten ihn heiß als neuen moralischen Exportschlager einer innerlich gespaltenen und äußerlich zerknirschten Nation im Dauerkriegszustand. Schlechte Nachrichten wurden mit dem Konkurrenten John McCain assoziiert – dafür sorgten ein Heer von freiwilligen Graswurzel-Pressereferenten, eine Frau namens Sarah Palin und nicht zuletzt McCain selbst. Die Menschen damals wollten nur ihren Guru hören: „Change“ und „Hope“ und „Yes we can“. Zu sehen gab es ja noch nicht viel.

Diese Zeiten sind vorbei, und heute gibt es was zu sehen, dafür aber fast nichts mehr zu hören, jedenfalls nichts Gutes. Was das für ein trauriges Häuflein ist, das da noch an frohen Botschaften übrig bleibt, wurde gestern besonders deutlich. Nicht mehr als die alljährliche rituelle Begnadigung zweier Truthähne – Reminiszenz an den Überpräsidenten Abraham Lincoln – taugte noch für ein freudiges Pressefoto. Und dennoch sah es beinahe so aus, als bliebe dem Präsidenten dabei das optimistisch-entschlossene Lächeln im Halse stecken. Leider aus gutem Grund.

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Der diesjährige Friedensnobelpreis geht nicht an Barack Obama – US-Präsident und Hoffnungsträger für eine gerechtere und friedlichere Weltordnung. Die königliche Akademie in Stockholm stiftet ihre prestigeträchtige Auszeichnung diesmal jedem, der bereit ist, sie anzunehmen, quasi jedem, der sich angesprochen fühlt. Wie sollte es auch anders sein – ist Obama doch noch kein Jahr im Amt und hat nach übereinstimmender Meinung der meisten in- und ausländischen Beobachter noch kein einziges der drängendsten Probleme mit der im Wahlkampf versprochenen und nötigen Verve angegriffen, geschweige denn gelöst. Im Gegenteil rudert er auf allen möglichen Politikfeldern zurück – manchmal mit halber Kraft (Guantanamo, Patriot Acts, Raketenabwehr, Manager/Finanzindustrie), manchmal mit voller Kraft (Afghanistan-Krieg, Gesundheitsreform).  Dass diese genannten Themen für seine US-Wähler im Wahlkampf gleichermaßen hohe Brisanz besaßen, macht das Zögern und Taktieren seiner Administration so delikat. Es steht fest: Die Vergabe des Friedensnobelpreises an Barack Obama im Jahre 2009 war und ist verfrüht, und muss daher auf andere Gründe als die objektiven Kriterien, nach denen in Stockholm gewöhnlich verfahren wird, zurückgeführt werden.

Nun sollte man nicht den Fehler machen, aus dieser nüchternen Analyse heraus zu dem Schluss zu kommen, der Preis sei in diesem Jahr vollkommen ungerechtfertigt oder gar mit einer naiven Emphase verliehen worden. Andere Preisträger ähnlichen Kalibers hatten hohe Defizite (Willy Brandt, Jimmy Carter), manche stellten sich im Nachhinein als Totalausfall heraus (Yassir Arafat) und für manche muss man die Preisverleihung schlicht als Unverschämtheit bezeichnen (Henry Kissinger). Auch wenn der Nobelpreis immer unter anderem der Forcierung erhoffter Leistungen in der Zukunft dienen sollte, erhielten diese Persönlichkeiten ihre Auszeichnung für konkrete Ergebnisse ihres Handelns in der (unmittelbaren) Vergangenheit. Sei es für die Ost-Verträge, ganz allgemein den Einsatz für die Menschenrechte, einen kuriosen Hand-shake in Camp David oder ein Friedensabkommen mit Nordvietnam – immer gab es einen konkreten Anlass, auf den sich das Komitee berufen konnte.

Was also führte in diesem Jahr zu einem Preisträger Obama, der in der zynischen Diktion seiner Gegner noch nichts weiter erreicht hat, als eine übermächtig scheinende Konkurrentin im Vorwahlkampf mit rhetorischem Geschick und guten Beratern aus dem Feld geschlagen zu haben? Wenn der „Weltbürger“ Obama – christlicher Amerikaner mit afrikanischen und muslimischen Wurzeln sowie einer dem American Dream höchst gemäßen persönlichen Erfolgsgeschichte – den Preis doch nicht als Person erhalten hat, sondern schlicht als das aussagekräftigste zeitgenössische Symbol für die Hoffnungen aller Bürger dieser Welt – wer ist dann der wahre Preisträger? Alle Menschen? Vor allem die Armen und Unterdrückten? Reuige US-Militär-Attachés? Alle Bush-Gegner, die es schon immer besser wussten? Oder erliegen wir wiederum einer medialen Täuschung, die sich erst aus der medialen Inszenierung (und ja: auch Vortäuschung) eines charismatischen Kandidaten Obama ergab und deren tagtägliche Rechtschreibung uns die Verwirrung über einen Nobelpreisträger Obama erst aufzwang? Wollte die Stockholmer Akademie diesen medialen Täuschungs-Impuls bloßstellen? Haben wir es mit einer ironischen – gar selbstironischen – Entscheidung zu tun? Wussten die Laureaten selbst nicht recht, wen sie auswählen sollten?

Für US-Bürger, und wohl auch für Obama selbst, wirkt diese Auszeichnung noch viel lächerlicher als für Europäer. Diesen Antagonismus in transatlantisch ungleicher Kommunikation kann man nicht auflösen, und muss derartige Unterscheidungen in einer Bewertung daher  vernachlässigen. Was bleibt ist ein genuin euröpäisches Bilderrätsel: Wer ist gemeint? Um diese Frage zu beantworten, könnte man einen Gedanken einmal zu Ende führen: Es gibt dieses Jahr keinen Preisträger und gleichzeitig ganz viele. Denn es gibt ein Statement des Nobelpreis-Komitees gegen eine ganze Ära und ihre Verwicklungen: Die „nuller Jahre“ von und mit George W. Bush und seiner Administration. Vom Umgang mit den Bürgerrechten über den Missbrauch der Sprache in den Internationalen Beziehungen („Either you´re with us or against us“, „Let´s go and smoke them out“), die Inszenierung eines Krieges, der nicht gewonnen werden kann, bis hin zur simplistischen Vernachlässigung drängender weltweiter Problematiken (Klimawandel, Abrüstung, Entwicklungszusammenarbeit, Armut, Verständigung der Religionen) widersprachen diese Person und diese Ära dem politischen Empfinden aufgeklärter Bürger sowohl der USA als auch Europas.

Mit dieser Ära soll und muss aus Stockholmer und europäischer Sicht ein für allemal Schluss gemacht werden. Viele Personen sind aufgerufen, nun alles besser zu machen. Nicht nur der US-Präsident und sein Land, sondern auch die Hardliner im Iran und Nordkorea, auch die terroristischen Vereinigungen in muslimischen Ländern, auch die Israelis, auch die Protektionisten in Brüssel. Keiner kann davon ausgenommen sein. Keiner darf sich ausnehmen. Von dieser Warte aus gesehen, muss man die Stockholmer Entscheidung sogar als Geniestreich ansehen. Dort ist es eben nicht nur gelungen zu zeigen, dass man sich in punkto Nobelpreis so ziemlich alles erlauben darf – auch pathetisch, wagemutig, dilettantisch, naiv, polemisch zu sein. Sondern man hat mit Barack Obama auch die perfekte Figur gefunden, um den eigenen Standpunkt zu klären. Gerade weil Obama bisher noch nichts weltbewegendes erreicht hat. Gerade weil sich so viele an der Entscheidung stoßen. Gerade weil sich diesmal niemand einfach ad acta legen und sein Nichtstun mit dem Tun eines strahlenden Stellvertreters entschuldigen kann. Gerade weil sie so verwirrt sind, dass diesmal nicht eine einzige Person ausgezeichnet wurde.  Geraten sie ins Grübeln, dass sie vielleicht selbst gemeint sein könnten?