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Schlagwort-Archive: Bildung

Deutschland jubelt über das etwas bessere Abschneiden bei der diesjährigen PISA-Studie. Was ein bisschen ärgerlich ist, denn solchen Studien kann man nicht trauen – jedenfalls nicht wenn man sie nicht selbst gefälscht hat. Und dass jetzt reihenweise Menschen in den Nachrichten zu Wort kommen, die das Bildungssystem – das man aus guten Gründen auch komplett ablehnen kann – verteidigen auf Basis einer Studie, der nicht zu trauen ist… was soll man davon halten?

Gleichzeitig trauern die Schweden ihren guten Ergebnissen bei vergangenen Studien hinterher. Kein Land ist weiter abgestürzt. Doch jetzt kommt heraus: anhand der studienimmanenten Kriterien lässt sich dieser Absturz gar nicht erklären. Es werden einige Gründe für die Verschlechterung vermutet, die aber allesamt aus dem Raster er Studie fallen. Die Studie ist offenbar blind für einige Realitäten mit großem Einfluss auf ihr Ergebnis.

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Obwohl weitläufig bekannt ist, dass Bildung von den verschiedenen deutschen Regierungen der letzten Jahre (seit 2005 auch mit Bildungsministerin Anette Schavan) systematisch unterfinanziert bleibt, und auf dem Höhepunkt der Studentenproteste, wagte sich Frau Schavan am Wochenende ausgerechnet mit einem Plan zur Bildungs-Privatisierung aus der schwäbischen Deckung und zog sich mit dieser gezielten Provokation zu Recht zornige Reaktionen zu. Auf den Punkt brachte es die stellvertretende Vorsitzende der SPD-Fraktion Dagmar Ziegler gegenüber der taz am Montag:

„Die Ministerin erwartet ernsthaft, dass die Menschen für Bildung sparen, während die Regierung selbst an der Bildung spart. Das ist absurd. Bildung ist eine staatliche Aufgabe und das muss sie auch bleiben.“

In Schavans Weltbild soll Eltern nach dem Vorbild der Riester-Rente schon bei Geburt ihres Kindes die finanzielle Vorsorge für dessen Bildungszukunft zugemutet werden.

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Bei den Bildungsausgaben hinkt Deutschland hinterher. Der Anteil der Gesamtausgaben des öffentlichen und privaten Bereichs für Bildung am Bruttoinlandsprodukt ging zwischen 1995 und 2005 kontinuierlich zurück und erreichte nie den Schnitt der OECD-Länder. Eine Grafik für das Jahr 2005 gibt es zum Beispiel hier. Es lässt sich nicht leugnen, dass der Abbau im Bildungssektor ein parteienübergreifendes Problem ist: Im Zeitraum von 1995 bis 2005 gab es zwei doch sehr gegensätzliche Koalitionen: Schwarz-Gelb und Rot-Grün. Für die Ausfinanzierung des Bildungssystems heißt das aber nichts.

Die Tendenz ab 2005 (wir erinnern uns, dass in diesem Jahr Angela Merkel  Kanzlerin einer Großen Koalition wurde): weiter sinkend. Zahlen für das Jahr 2006 hier. Im Bildungsfinanzbericht 2008 des Statistischen Bundesamtes (kostenloser Download hier) findet sich folgende anschauliche Grafik:

Im Klartext: die Bildungsausgaben sind auch im Soll der Jahre ´07 und ´08 gemessen am BIP gefallen.

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Jahr um Jahr reden die mit der Problematik betrauten Politiker von „mehr Investitionen in die Bildung“, tun aber offenbar zu wenig. Oder sie behaupten zur Beruhigung der erhitzten Gemüter, dass die Ausgaben Deutschlands für Bildung ja nominell steigen würden, verschweigen aber immer möglichst, dass das BIP noch schneller wächst und Deutschland nie zu den erfolgreichen Ländern oder auch einfach nur zum OECD-Durchschnitt aufschließt.

Eine Sternstunde der Versprechungen war der „Bildungsgipfel“ von Kanzlerin Merkel am 22. Oktober 2008, bei dem sie und die Ministerpräsidenten der Länder sich das Ziel setzten, bis zum Jahr 2015 einen Wert von 10 Prozent des BIP für Bildungs- und Forschungsausgaben zu erreichen. Das war ungefähr zu dem Zeitpunkt, als die obige Grafik entstand, in welcher der Trend sich eher nach 3,5 Prozent bewegt.

Im Vorfeld des „Bildungsgipfels 2008“ war übrigens auch dieses Werbevideo entstanden:

Seit kurzem regiert nun wieder eine neue Konstellation das Land. Im schwarz-gelben Koalitionsvertrag heißt es zur Bildung:

„Bildung ist Bedingung für die innere und äußere Freiheit des Menschen. […] Bildung ist daher für uns Bürgerrecht. Deswegen sagen wir der Bildungsarmut den Kampf an.

[…]

Wir wollen Deutschland zur Bildungsrepublik machen, mit den besten Kindertagesstätten, den besten Schulen und Berufsschulen sowie den besten Hochschulen und Forschungseinrichtungen.

[…]

Wir erhöhen die Ausgaben des Bundes für Bildung und Forschung bis 2013 um insgesamt 12 Mrd. Euro. Wir werden Maßnahmen ergreifen, die es zudem Ländern, Wirtschaft und Privaten erleichtern, ihre jeweiligen Beiträge bis spätestens 2015 ebenfalls auf das 10 Prozent-Niveau anzuheben.

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Ist es nicht traurig, dass man solche Aussagen nur noch mit einem Schmunzeln quittiert?

Um den Unmut der Studenten zu verstehen, reicht ein Blick auf die Bologna-Reformen nicht aus

Die Studenten sind wieder los! Von Österreich ausgehend ist der neueste Bildungsstreik auf die Universitäten in Deutschland übergeschwappt. Proteste solcher Art folgen ja bestimmten Schweinezyklen. Seit dem Ende der Protest-Ära schwellen die Streiks in einem solchen Rhythmus an und ebben wieder ab, dass jeder Student im Laufe seiner Uni-Karriere im Schnitt einmal in deren Genuss kommt. Es dauert immer eine Weile, bis eine neue Generation sich an den Unis formiert hat, deren engagierte Vertreter in die Fachschafts- und Asta-Arbeit eingewiesen sind und dann folgen nach einer Konsolidierungs- und Konzentrierungsphase des Unmuts unweigerlich Sit-Ins oder Teach-Ins.

Wogegen protestieren die anderen Studenten? Nun, zum Einen ganz allgemein gegen eine verfehlte Bildungspolitik. Dieser Kritikpunkt wird als eine Art Generaltatbestand behandelt, unter den sich die meisten Missstände subsumieren lassen. Insbesondere ist hierin aber auch die chronische Unterfinanzierung des Bildungssystems eingeschlossen. Zweitens geht es selbstverständlich um die kompensatorische Erhebung von Studiengebühren. Den Studenten ist zu Recht nicht ersichtlich, wie sich der Bildungserfolg verbessern lässt, indem man zuerst zahlt und dann entweder (im Besten Fall ein Zehntel der Studierenden) etwas über Stipendien zurück erhält oder (neun Zehntel) leer ausgeht und sich anderswo Geld leihen oder jobben muss.

Drittens geht es um die Bologna-Reform, die wegen des europhilen Übereifers der Kulturpolitiker in Verbindung mit dem Tatbestand (s.o.) der klammen Ausfinanzierung des Bildungssektors, zu einem Zwitter geworden ist: Einerseits hat sie die Vernetzung der höchst unterschiedlichen Bildungssysteme in Europa vorangetrieben, wenn auch längst nicht vollendet, und den Grundstein zu einer einheitlichen Bewertbarkeit von Abschlüssen gelegt, wenn auch länst nicht umfassend. Andererseits sind beide Positiva cum grano salis auch gleichzeitig Negativa. Denn die erhoffte Steigerung der Auslandsaufenthalte z.B. ist durch Straffung der Studienverlaufspläne praktisch ab initio zunichte gemacht worden, Austausch findet in einigen Fächern sogar weniger statt als zuvor. Darüber hinaus ist eine Dynamik entstanden, in welcher länderspezifische Eigenarten bestimmter Studiengänge, die von den Betroffenen (Professoren, Studenten, etc.) als positiv eingeschätzt worden waren, eingeebnet oder zerstört wurden. Nicht zuletzt haben sich im Zuge der Umstellung auf BA/MA einige Fächer in solcher Weise verwandelt, dass sie praktisch unstudierbar geworden sind.

Am wenigsten Unmut regt sich bezeichnender Weise in den wirtschaftswissenschaftlichen Fakultäten. Dort sind nämlich die Bologna-Statuarien im Geiste schon vor der Reform, während der letzten zwanzig oder dreißig Jahre, vollzogen worden. Das Ergebnis sieht man heute am erbärmlichen Zustand der Wirtschaftswissenschaften, Mikro wie Makro. Dort herrscht ein unkritischer, kriecherischer Anpassungsgeist an höchst umstrittene Theorien, Ausblendung ganzer Sparten der eigenen Wissenschaft, Anpassung an den neoliberalen Zeitgeist. Das Ergebnis der Universitäts-Ausbildung wiederum zeitigt sich in den hohen und höchsten Etagen des völlig ökonomisierten Staatswesens, in den Beraterstäben der Politik, in den Management-Etagen der Fonds und der Banken.

Klaustrophobische Zustände im Fahrstuhl der Ökonomisierung

Interessant ist aber vor allem ein vierter, ebenfalls immer wieder kehrender Protest-Ansatz der Studierenden. Man wehrt sich gegen einen „Trend zur Ökonomisierung der Bildung“. Das ist neblig, das ist interessant. Denn der Vorwurf betrifft nur auf den ersten Blick ausschließlich den Bildungsbereich. Auf den zweiten Blick, und das ist den Studenten im Normalfall bewusst, kritisiert man die Ökonomisierung der gesamten Kultur. Dazu zählen die Familien- und Freundschaftsbeziehungen ebenso wie der Arbeitsmarkt, eine xenophobische und misstrauische Alltagskultur ebenso wie eine patriarchalische und arrogante Politik- und Medienlandschaft.

Studienseminare sind heute kein Hort des offenen Austauschs, des offenen Diskurses. In ihnen herrscht allzu oft die klaustrophobische Stimmung einer Zwangsgemeinschaft der verunsicherten Vereinzelten. Man traut sich  im Regelfall nichts, aber auch gar nichts zu. Der Schein regiert das Sein ebenso wie das Bewusstsein. Dem Individuum kommt im Seminar-Alltag nicht die Rolle des Informationsträgers zu, der angehört werden muss, sondern vielmehr die Rolle eines Informations-Weisungsempfängers der (Schein-)Überlegenen.

Aus diesem tristen Alltag brechen die Studierenden aus, wenn sie den Hörsaal besetzen, Transparente malen, auf die Straße gehen.

Für die Zustände an den Universitäten sind nicht nur die Reformen verantwortlich, gegen die die Studierenden nach außen hin nun in der Hauptsache protestieren. Sondern es ist tatsächlich ein Geist des Ökonomismus ursächlich. Studierenden-Proteste tragen erfahrungsgemäß immer den Keim einer ganzheitlichen Gesellschaftskritik in sich. Wer die Proteste singulär auf eine Reform der (Bologna-)Reform reduziert, der irrt. Das wiederum tun leider die meisten Medien. Auch ein Ausdruck der Ökonomisierung.