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Vielleicht brauchen wir eine neue Verfassung für diese Gesellschaft? Vielleicht brauchen wir ein Amendment nach Art des US-amerikanischen Verfassungsrechts, eine Erweiterung von überkommenen, bestehenden Verfassungen. Wir müssen uns wiederholt fragen, von Zeit zu Zeit: ist unser Zusammenleben noch in Ordnung? Ist unser Leben besser oder schlechter als vor zehn Jahren? Wird es in zehn Jahren noch so gut sein können wie heute? Reicht die aktuelle, bestehende Verfassung aus um Frieden und Wohlstand zu sichern? Oder schürt sie im Gegenteil – sei es aktiv durch unfriedliche oder ungerechte Normen, sei es passiv durch eine Haltung des Laissez-faire gegenüber unfriedlichen oder ungerechten Akteuren – sogar den Unfrieden oder gefährdet sie im Gegenteil sogar den Wohlstand? Diese Art Fragen muss sich jeder treu aber souverän denkende und empfindende Bürger eines Gemeinwesens von Zeit zu Zeit stellen und sie sich beantworten. Wenn er aber zu einem Ergebnis gekommen ist, so ist es geradezu seine Pflicht entsprechend zu handeln.

Warum entwerfen wir nicht gemeinsam ein Amendment zur bestehenden Verfassung? Virtuell, aber dennoch ganz real, mit Auswirkungen auf das konkrete Leben von möglichst vielen Teilnehmern aus möglichst vielen verschiedenen gesellschaftlichen Bereichen, „from all walks of life“ wie Amerikaner sagen würden. Eine verbindliche und verbindende Sammlung von Normen und erwünschten Wirkungen dieser Normen, an die sich alle Teilnehmer zu halten verpflichten. Mit einer Website auf der es regelmäßig Statements von Teilnehmern zu lesen gibt, was sie durch den „eigenen Verfassungszusatz“ im Alltag erleben und was sich durch ihn in ihrem Leben vielleicht verändert hat.

Man muss es doch einmal ganz deutlich sagen: das eigentlich Ekelhafte an der Berichterstattung über den Tod Robert Enkes ist doch nicht die Tatsache, dass die Medien berichten und wie sie berichten. Was sie auslassen, verschweigen, welche Debatten sie sich  nicht zu führen getrauen – das ist ein Skandalon.

Was ist passiert? Ein bekannter, sozial engagierter und zunächst vor allem im Großraum Hannover sehr beliebter Fußballspieler hat sich an einer einsam gelegenen Bahnstrecke das Leben genommen. Obwohl er auf den Rückhalt einer Ehefrau, einer Familie, hohen privaten Ansehens, guter finanzieller Situierung hätte bauen können, mochte er seinem Leben lieber entkommen. Eine sensationshungrige Presse stürzt sich auf den „Fall“, recherchiert die „Fakten“, interviewt „Betroffene“, und publiziert die „Story“ als eine Art Schauergeschichte aus der Nachbarschaft.

Was kommt dabei heraus? Eine hektische „Berichterstattung“ mit „Live-Bildern“ und einer flirrenden Kakophonie von „O-Tönen“, „Kommentaren“, „Interviews“, „Stellungnahmen“, „Pressekonferenzen“. Das Spektrum reicht von ganz nah dran – die soeben zur Witwerin gewordene Ehefrau am Ort des Suizids – bis hin zu ziemlich weit weg – Markus Lanz interviewt Andre Agassi über Belastungen des Profi-Sportlers. Schließlich, als krönenden Abschluss, gibt es noch einen Gottesdienst inklusive „Predigt“ von ganz oben herab. Keiner merkt, dass alles zum Film-Set verkommt. Der Zuschauer bekommt Häppchen vom Buffet des Offensichtlichen.

Viele sind entsetzt über die Tat oder tun nur so. Viele sind entsetzt über die Berichterstattung und den Voyeurismus oder tun nur so. Blogger und andere Schreiber wittern einen neuerlichen ethischen Offenbarungseid der etablierten kommerziellen Medien. Blog-Kommentatoren überschlagen sich. Es kribbelt in den Eingeweiden, es brodelt im Hirn, einige Zuschauer reißt es erregt von den Sitzen, alte Weiber rollen mit den Augen, junge Mädchen fallen in Ohnmacht… Keiner merkt, dass er nur im Film sitzt.

Prominenter Suizid und Leerstellen in der medialen Rezeption

Respektable Blogger bringen immer neue Abscheulichkeiten der enthemmten Medien ans Tageslicht – im gleichen Takt wie die Medien diese Abscheulichkeiten produzieren. Name-dropping steht hoch im Kurs. Etablierte Fechter zitieren den Werther-Effekt und bleiben dann stehen bei einem alibihaften „Blick in die Online-Sektionen deutscher Printmedien“, der die „mediale Ohnmacht“ offenbart. Beim Blick über die Spree fällt einem natürlich gleich der alte Durkheim ein, aber außer einer mikroskopischen Andeutung über ungesunde Gesellschaften regt sich kein einziger Gedanke. 11 Freunde zitieren erst Camus und waten dann im Seichten ans sichere Ufer: „Trauern heißt aushalten, dass es keine Antwort mehr gibt.“ Das hätte Margot Käßmann auch nicht besser sagen können.

Wo ist eigentlich in dem ganzen Trubel die Debatte geblieben? Wohin ist der diskursive Versuch verschwunden, das Offensichtliche in einen breiteren gesellschaftlichen Kontext einzubetten? Wo verstecken sich die klugen Kommentatoren, die uns zeigen können, dass es zwischen dem Suizid eines Profi-Sportlers und gewissen kulturellen Missständen einen Zusammenhang gibt, der aufgedeckt werden kann?

Lasst uns gemeinsam eine solche Debatte starten! Alle, die nicht in einer billigen Kritik des Medien-Business verharren wollen, sind aufgerufen, sich zu beteiligen. Lasst uns aus eigener Kraft einen Unterschied machen…

(Fortsetzung folgt)