Archiv

Schlagwort-Archive: Ökonomisierung der Alltagskultur

Obwohl weitläufig bekannt ist, dass Bildung von den verschiedenen deutschen Regierungen der letzten Jahre (seit 2005 auch mit Bildungsministerin Anette Schavan) systematisch unterfinanziert bleibt, und auf dem Höhepunkt der Studentenproteste, wagte sich Frau Schavan am Wochenende ausgerechnet mit einem Plan zur Bildungs-Privatisierung aus der schwäbischen Deckung und zog sich mit dieser gezielten Provokation zu Recht zornige Reaktionen zu. Auf den Punkt brachte es die stellvertretende Vorsitzende der SPD-Fraktion Dagmar Ziegler gegenüber der taz am Montag:

„Die Ministerin erwartet ernsthaft, dass die Menschen für Bildung sparen, während die Regierung selbst an der Bildung spart. Das ist absurd. Bildung ist eine staatliche Aufgabe und das muss sie auch bleiben.“

In Schavans Weltbild soll Eltern nach dem Vorbild der Riester-Rente schon bei Geburt ihres Kindes die finanzielle Vorsorge für dessen Bildungszukunft zugemutet werden.

Read More

Eine aktuelle Studie der Universität Darmstadt (Forschungsgruppe Medien) unter Leitung von Prof. Geribert Jakob untersucht den gegenwärtigen Qualitätsjournalismus in Deutschland und kommt zu dem Schluss, dass eine Reihe wesentlicher und die Qualität des Journalismus bestimmender Faktoren sich in den vergangenen Jahren verschlechtert haben.

Zur Studie: „Begrenzter Journalismus. Was beeinflusst die Entfaltung eines Qualitätsjournalismus“

Besprechung von Rudolf Stumberger bei Telepolis: „Alles tun für einen festen Job“

***

Zu diesem Thema sei jetzt doch einmal auf die Vorstellung des neuen Buches von Albrecht Müller, Gründer und Autor der nachdenkseiten, hingewiesen. Das Buch heißt „Meinungsmache. Wie Wirtschaft, Politik und Medien uns das Denken abgewöhnen wollen“. In der Berliner Kulturbrauerei entwickelte sich aus diesem Anlass am 12. November ein interessantes Gespräch zwischen dem Autor, der Moderatorin Sabine Adler (Deutschlandfunk) und den Gästen Hans-Ulrich Jörges (Chefredakteur des Stern) sowie Oskar Lafontaine (Die Linke).

Jörges stimmte darin Albrecht Müller in der Analyse zu, dass die Politik und ihr Personal in hohem Maße von Finanz-Lobbyisten beeinflusst werde, bestritt allerdings die im Buch  behauptete bewusste Manipulation oder gar Unterwanderung der deutschen Qualitätsmedien durch wirtschaftliche Interessengruppen:

Um den Unmut der Studenten zu verstehen, reicht ein Blick auf die Bologna-Reformen nicht aus

Die Studenten sind wieder los! Von Österreich ausgehend ist der neueste Bildungsstreik auf die Universitäten in Deutschland übergeschwappt. Proteste solcher Art folgen ja bestimmten Schweinezyklen. Seit dem Ende der Protest-Ära schwellen die Streiks in einem solchen Rhythmus an und ebben wieder ab, dass jeder Student im Laufe seiner Uni-Karriere im Schnitt einmal in deren Genuss kommt. Es dauert immer eine Weile, bis eine neue Generation sich an den Unis formiert hat, deren engagierte Vertreter in die Fachschafts- und Asta-Arbeit eingewiesen sind und dann folgen nach einer Konsolidierungs- und Konzentrierungsphase des Unmuts unweigerlich Sit-Ins oder Teach-Ins.

Wogegen protestieren die anderen Studenten? Nun, zum Einen ganz allgemein gegen eine verfehlte Bildungspolitik. Dieser Kritikpunkt wird als eine Art Generaltatbestand behandelt, unter den sich die meisten Missstände subsumieren lassen. Insbesondere ist hierin aber auch die chronische Unterfinanzierung des Bildungssystems eingeschlossen. Zweitens geht es selbstverständlich um die kompensatorische Erhebung von Studiengebühren. Den Studenten ist zu Recht nicht ersichtlich, wie sich der Bildungserfolg verbessern lässt, indem man zuerst zahlt und dann entweder (im Besten Fall ein Zehntel der Studierenden) etwas über Stipendien zurück erhält oder (neun Zehntel) leer ausgeht und sich anderswo Geld leihen oder jobben muss.

Drittens geht es um die Bologna-Reform, die wegen des europhilen Übereifers der Kulturpolitiker in Verbindung mit dem Tatbestand (s.o.) der klammen Ausfinanzierung des Bildungssektors, zu einem Zwitter geworden ist: Einerseits hat sie die Vernetzung der höchst unterschiedlichen Bildungssysteme in Europa vorangetrieben, wenn auch längst nicht vollendet, und den Grundstein zu einer einheitlichen Bewertbarkeit von Abschlüssen gelegt, wenn auch länst nicht umfassend. Andererseits sind beide Positiva cum grano salis auch gleichzeitig Negativa. Denn die erhoffte Steigerung der Auslandsaufenthalte z.B. ist durch Straffung der Studienverlaufspläne praktisch ab initio zunichte gemacht worden, Austausch findet in einigen Fächern sogar weniger statt als zuvor. Darüber hinaus ist eine Dynamik entstanden, in welcher länderspezifische Eigenarten bestimmter Studiengänge, die von den Betroffenen (Professoren, Studenten, etc.) als positiv eingeschätzt worden waren, eingeebnet oder zerstört wurden. Nicht zuletzt haben sich im Zuge der Umstellung auf BA/MA einige Fächer in solcher Weise verwandelt, dass sie praktisch unstudierbar geworden sind.

Am wenigsten Unmut regt sich bezeichnender Weise in den wirtschaftswissenschaftlichen Fakultäten. Dort sind nämlich die Bologna-Statuarien im Geiste schon vor der Reform, während der letzten zwanzig oder dreißig Jahre, vollzogen worden. Das Ergebnis sieht man heute am erbärmlichen Zustand der Wirtschaftswissenschaften, Mikro wie Makro. Dort herrscht ein unkritischer, kriecherischer Anpassungsgeist an höchst umstrittene Theorien, Ausblendung ganzer Sparten der eigenen Wissenschaft, Anpassung an den neoliberalen Zeitgeist. Das Ergebnis der Universitäts-Ausbildung wiederum zeitigt sich in den hohen und höchsten Etagen des völlig ökonomisierten Staatswesens, in den Beraterstäben der Politik, in den Management-Etagen der Fonds und der Banken.

Klaustrophobische Zustände im Fahrstuhl der Ökonomisierung

Interessant ist aber vor allem ein vierter, ebenfalls immer wieder kehrender Protest-Ansatz der Studierenden. Man wehrt sich gegen einen „Trend zur Ökonomisierung der Bildung“. Das ist neblig, das ist interessant. Denn der Vorwurf betrifft nur auf den ersten Blick ausschließlich den Bildungsbereich. Auf den zweiten Blick, und das ist den Studenten im Normalfall bewusst, kritisiert man die Ökonomisierung der gesamten Kultur. Dazu zählen die Familien- und Freundschaftsbeziehungen ebenso wie der Arbeitsmarkt, eine xenophobische und misstrauische Alltagskultur ebenso wie eine patriarchalische und arrogante Politik- und Medienlandschaft.

Studienseminare sind heute kein Hort des offenen Austauschs, des offenen Diskurses. In ihnen herrscht allzu oft die klaustrophobische Stimmung einer Zwangsgemeinschaft der verunsicherten Vereinzelten. Man traut sich  im Regelfall nichts, aber auch gar nichts zu. Der Schein regiert das Sein ebenso wie das Bewusstsein. Dem Individuum kommt im Seminar-Alltag nicht die Rolle des Informationsträgers zu, der angehört werden muss, sondern vielmehr die Rolle eines Informations-Weisungsempfängers der (Schein-)Überlegenen.

Aus diesem tristen Alltag brechen die Studierenden aus, wenn sie den Hörsaal besetzen, Transparente malen, auf die Straße gehen.

Für die Zustände an den Universitäten sind nicht nur die Reformen verantwortlich, gegen die die Studierenden nach außen hin nun in der Hauptsache protestieren. Sondern es ist tatsächlich ein Geist des Ökonomismus ursächlich. Studierenden-Proteste tragen erfahrungsgemäß immer den Keim einer ganzheitlichen Gesellschaftskritik in sich. Wer die Proteste singulär auf eine Reform der (Bologna-)Reform reduziert, der irrt. Das wiederum tun leider die meisten Medien. Auch ein Ausdruck der Ökonomisierung.