Archiv

Schlagwort-Archive: Public Relations

Die International Advertising Association (IAA), eine Interessenvereinigung von führenden Werbern und ihren Kunden mit Zweigstellen in aller Welt, wirbt auf ihre Weise für einen erfolgreichen Klimagipfel in Kopenhagen:

www.hopenhagen.org

Jeder kann Bürger von „Hopenhagen“ werden. Der Hauptslogan ist „…gives me hope“, eine Forderung lautet „Spread hope“. „Hope“ ist seit Obamas erfolgreichem Selbstmarketing offenbar die angesagte Formel. Aufpassen, dass es nicht ausschließlich eine werbewirksame Leerformel bleibt!

Advertisements

Gestern fiel mir auf einem meiner Streifzüge durch das deutsche Fernsehen – die ich immer vorsichtig ein wenig unterdosiere – auf, dass der VFA (Verband der forschenden Pharmaunternehmen) wieder Werbespots seiner Kampagne „Forschung ist die beste Medizin“ schaltet.

An die Medikamentenwerbung in Fernsehen und Radio haben wir uns ja inzwischen ganz gut gewöhnt. Vor allem die teuren und stark frequentierten Werbe-Prime-Times rund um Marienhof, ARD-Tagesschau u. dgl. wimmeln vor Erkältungs- und Grippe-Mitteln, Apotheken-Umschau („Lesen was gesund macht“), die Kraft der zwei Herzen, Schuppen-Shampoos, Abhilfen gegen übermäßigen Harndrang, Nahrungsergänzungsmitteln.

Neben den „alltäglichen Krankheiten“ versucht die Pharma-Industrie aber auch die Endverbraucher – also Patienten – teurer Medikamente gegen schwere und unheilbare Krankheiten zu erreichen. Mit der Kampagne „Forschung ist die beste Medizin“ drängt der Verband der forschenden Pharmaunternehmen seit 2004 von Zeit zu Zeit an die Öffentlichkeit. So auch in diesen Tagen wieder, wo es ihm wohl um die prophylaktische Korrektur seiner Außendarstellung geht, nachdem unliebsame Medienberichte über die H1N1-Panikmache (vulgo: Schweinegrippe) einem positiven Bild von Pharmaindustrie  in der Öffentlichkeit zu nahe getreten sind. Man vertraut offenbar nicht mehr allein auf die Werbemaßnahmen von „Experten“ im Fernsehen oder jene der BILD-Redaktion.

Von den Befürwortern des Pharma-Marketings wird immer wieder das Argument vorgebracht, der mündige Patient habe ein Recht auf Aufklärung. Dies verfängt aber nicht, wenn der Patient auch genau so gut von einem Arzt aufgeklärt werden kann, welches Medikament er wirklich benötigt. Es verfängt aber erst recht nicht, wenn es um komplizierte Krankheiten und hochspezielle Medikamente oder gar deren Wechselwirkungen geht. Wenn der Patient den Unterschied zwischen zwei zur Auswahl stehenden Medikationen selbst in einem Beratungsgespräch mit seinem Arzt nicht verstanden hat, wie soll er ihn dann durch einen 30 Sekunden dauernden Werbespot verstehen?

Worin besteht der wahre Sinn von Kampagnen?

Um gesundheitliche Aufklärung geht es jedenfalls nicht. In einem Spot der VFA erfährt der Zuschauer keine wichtigen Details zu ihn bedrohenden Krankheiten oder eine fundierte Aufklärung zu deren Vorbeugung. Statt dessen werden ihm ehemalige oder akut Betroffene schwerer Krankheiten wie Prostatakrebs vorgestellt, die im O-Ton behaupten, die Forschung der Pharmaindustrie habe sie vor dem sicheren Tod oder wenigstens vor einem untragbaren Schicksal bewahrt. Hier der an akutem Rheumatismus erkrankte Herr G. aus Frankfurt am Main, der inzwischen wieder Trompete in einer Jazzband spielen kann. Dort Frau L. aus Hamburg mit der Diagnose Blutkrebs, die schon nach einem halben Jahr Behandlung aufgrund einer Knochenmarktransplantation wieder fit ist. Es gibt kleine Werbefilmchen mit den Betroffenen und jeweils ein ausführliches Interview. Sicher ist wohl: die Pharma-Forschung ist ein Segen für die Menschheit und sie trägt gerade bei schweren Erkrankungen tatsächlich dazu bei, Leid in der Gesellschaft zu mindern. Jedoch – eine Knochenmarktransplantation oder eine Behandlung gegen Rheuma kommt auch zustande, ohne dass jeder Fernsehzuschauer über das Schicksal von Herrn G. oder Frau L. aufgeklärt wird. Warum Werbung? Diese Frage wird aus gutem Grund nicht beantwortet.

Werbung wird von der Pharmaindustrie gezielt eingesetzt, um Umsätze zu steigern und Gewinne zu erzielen. In einem Artikel der FAS vom 03.12.06 (über Interessenkonflikte der Pharmaindustrie und wie sie in Gesundheitsforen im Internet Werbung betreibt) wurden die Gesundheitsforscher Gerd Glaeske und Kirsten Schubert vom Zentrum für Sozialpolitik der Uni Bremen mit der Aussage zitiert, dass jährlich vier Mrd. Euro in das Marketing von Arzneimitteln investiert werde – das Doppelte wie in die Forschung. Dabei handelte es sich nur um die deutschen Kennzahlen, die US-amerikanischen lieferte Anfang 2008 ein Team der Universität von Toronto – in ihren Studien kamen für das Jahr 2004 ein Endergebnis von 57,5 Mrd. Dollar für Werbung heraus, gegenüber 31,5 Mrd. Dollar für Forschung und Entwicklung. Allerdings gehen die Forscher davon aus, dass sie noch nicht alle Posten der Werbemaßnahmen erfasst haben.

Wer an das Märchen vom Primat der Forschung glaubt, wird eines Besseren belehrt. „Das Wichtigste in der Pharmaindustrie scheinen Größe und Umsatz zu sein“ titelt „Servicezeit Gesundheit“ (WDR) am 02.02.09, kurz nachdem die Fusion von Pfizer und Wyeth zum weltgrößten Gesundheitskonzern bekannt geworden ist, und wirft einen Blick auf die ökonomischen Kennzahlen der Branche im Jahre 2007. Das Primat der Werbung vor der Forschung wird immer wieder bestätigt. Wie in fast allen anderen Branchen üblich steigert die Pharma-Industrie ihre Umsätze und Gewinne natürlich auch durch Personalabbau.

Übrigens: für die Kampagne „Forschung ist die beste Medizin“ – maßgeblich ersonnen von der Berliner Agentur Scholz & Friends – wurde dem Verband VFA der „Politikaward 2005“ verliehen – für die erfolgreichste „Public Affairs-Kampagne“. Im Jahr 2007 erhielten wiederum beide Partner – VFA und Scholz & Friends – den Preis erneut (Kategorie „Innovation“), diesmal für den Gimmick „Zeitmaschine“ im Rahmen der Forschung-Kampagne, bei dem man sich ansehen kann, dass man in 30 Jahren wohl ganz schön alt, aber immer noch ganz schön schön aussehen wird – dank der Pharmaindustrie…